Ein Tag über Annehmen, Haltung und die stille Arbeit am Miteinander

Das Annehmen beginnt bei mir

Heute war so ein Tag, an dem ich merkte, wie schnell die Welt laut wird.

Draußen war alles da: Meinungen, Haltungen, Forderungen, vielleicht auch Demonstrationen. Man hätte auf die Straße gehen können. Für andere. Für eine Sache. Für ein Wort, das groß genug klingt, um Menschen zu bewegen.

Aber ich blieb zuerst bei mir.

Ich fragte mich, was sich wirklich ändert, wenn ich draußen etwas fordere, das ich in mir selbst noch nicht leben kann. Denn das Annehmen beginnt nicht auf einem Platz, nicht auf einem Transparent und nicht in einem lauten Satz. Es beginnt bei mir. In meinem Verhalten. In der Art, wie ich dem anderen Raum lasse, ohne mich selbst dabei zu verlassen.

Am selben Tag las ich ein Interview mit Alice Schwarzer in der NZZ. Sie war nicht das Thema meines Tages, aber sie war der Auslöser. Ein Satz, eine Haltung, ein Gedanke — und plötzlich begann in mir etwas zu arbeiten.

Ich merkte, wie empfindlich ich werde, wenn Menschen nicht nur ihre Meinung haben, sondern daraus eine Forderung machen. Wenn sie nicht mehr sagen: So sehe ich es. Sondern: So musst du es sehen.

Das ist der Punkt, an dem es in mir eng wird.

Ich kann mit vielen Meinungen leben. Ich muss nicht alles teilen. Ich muss auch nicht jedes Thema zu meinem eigenen machen. Aber ich will nicht gezwungen werden, gegen mein inneres Empfinden zu denken. Mein Denken gehört mir. Mein innerer Raum gehört mir.

Ich erschaffe meine eigene Welt. Nicht, weil ich vor der anderen flüchte, sondern weil ich in meiner Welt sehen darf, was ich sehe. Dort darf ich fühlen, was ich fühle. Dort muss ich mich nicht ständig rechtfertigen, nur weil mich etwas nicht interessiert oder weil ich etwas anders wahrnehme.

Vielleicht ist es wie in der Geometrie.

Wenn der Winkel stimmt, stimmen auch die Flächen. Dann stehen die Teile in einem Verhältnis zueinander. Dann trägt die Form. Dann wird aus Unterschiedlichkeit kein Streit, sondern eine Ordnung.

So ist es auch mit Menschen.

Die eine Seite muss nicht werden wie die andere. Die eine Fläche ist nicht besser als die andere. Aber sie müssen zueinander stehen können. Nicht übereinander. Nicht gegeneinander. Sondern in einem Winkel, der trägt.

Und wenn dieser Winkel nicht stimmt, ist das noch kein Grund, alles aufzugeben.

Dann sollten wir es zusammen angehen.

Nicht mit Druck. Nicht mit Vorwurf. Nicht mit dem Wunsch, den anderen zu besiegen. Sondern mit der Bereitschaft, noch einmal hinzuschauen. Vielleicht braucht es Abstand. Vielleicht braucht es ein ruhiges Wort. Vielleicht braucht es nur den Moment, in dem beide merken: So, wie es jetzt steht, trägt es nicht.

Aber es könnte wieder tragen.

Später saßen wir in der Sauna. Auch das gehört zu so einem Tag. Die Wärme, das Schweigen, das Atmen. Danach wollten wir mit Freunden Bilder anschauen. Jeder bringt eines mit. Jeder zeigt, was ihn bewegt hat. Kein großer Auftritt. Kein Kampf um Recht. Nur Bilder, Worte, Blicke und vielleicht ein Satz, der stehen bleiben darf.

So stelle ich mir Zeit vor, die nicht verloren ist.

Wenn dann jemand fragt: „Darf ich sagen, wie ich mich fühle?“, dann sage ich: Ja. Natürlich. Aber in mir entsteht zugleich eine zweite Frage: Hat diese Person auch die Kraft, die Antwort zu hören?

Denn nicht jede Frage sucht wirklich eine Antwort. Manche Fragen suchen nur Bestätigung. Manche wollen nicht hören, sondern recht bekommen.

Ein guter Kreis von Menschen hält mehr aus.

Er hält eine ehrliche Antwort aus. Nicht hart. Nicht verletzend. Aber wahr.

Vielleicht müssen wir gar nicht immer auf die Straße, um etwas zu verändern. Manchmal beginnt Veränderung leiser. In einem Gespräch. In einem Blick. In der Art, wie ich nicht sofort urteile. In der Art, wie ich stehen bleibe, ohne mich selbst aufzugeben.

Annehmen ist keine Parole.

Annehmen ist Verhalten.

Und heute war für mich so ein Tag, an dem ich wieder merkte: Genau dort beginnt es. Bei mir.

Die mitgebrachten Bilder

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