Talent Arbeit und Nichts
Ich war hungrig aufs Leben.
Ich hatte Talent – oder zumindest die Fähigkeit, es so zu sehen und zu nutzen, dass es mir und auch dem
System diente. Es ging darum, Kraft zu entwickeln: stärker zu werden, länger zu tragen, besser
auszuhalten. Meinen Geist zu befähigen, Aufgaben zu lösen, auch wenn sie beschwerlich waren, und zu
reden, wenn es der Sache nützlich war. Körper und Geist waren voll dabei.
Zwischenzeitlich verging viel Zeit. Alles wurde effektiver, zugleich langsamer. Doch wofür? Das Ergebnis
war da. Nur der Weg war ein anderer.
Und doch ist alles ganz anders. Ich dachte, der Schnitt mit der Schere in meinem Leben würde etwas
ordnen, etwas klären. Doch dieser Schnitt bewirkte etwas anderes, als ich erwartet hatte. Ich stiess auf
nichts.
Zu diesem Augenblick, in dem ich in die Tasten haue, habe ich nur die Sicht auf das Geschehen – nicht
auf das, was ich mir erhofft hatte. Dafür fehlt mir im Moment das Talent.
Doch jetzt ist alles anders. Mein Konto zahlt mir das Geld in Raten zurück – Geld, das ich über Jahre
verdient habe. Es stammt aus vielen Quellen, und so vermischt es sich – wie so oft, und wie in jedem
Topf. Wie alles sich vermischt, wenn es nicht mehr eindeutig ist. Auch Kontinente haben sich getrennt,
sich wieder angenähert, sich neu verbunden. Bewegung war nie Stillstand, sondern Training. Warum
machen wir hier alles kaputt, anstatt zuzuhören, was da passiert ist? Manchmal ist dem Anderen
zuzuhören kein Rückschritt, auch wenn es so gelesen wird. Es wäre der Fortschritt, von dem ich schon
lange träume.
Zurzeit sitze ich am Feuer, das mich wärmt. Ich gehe noch auf die Jagd, sehe Landschaften, andere
Bodenstrukturen. Auch die Sonne ist hier eine andere: manchmal stärker, manchmal schwächer. An
manchen Orten liegt ein weisser Belag, den wir Schnee nennen. Dann gehen wir langsamer. Ich jage nicht
mehr viel, nur so viel, wie es meinem Clan genügt. Das reicht.
Ein Austausch findet nicht statt. Einladungen, meine Höhle mit meinen Zeichnungen zu besichtigen, will
niemand annehmen. Niemand will hören. Und doch ist da ein Talent, für das ich jetzt Zeit habe. Zeit zu
schenken. Ist es ein Talent oder nur ein Sport? Vielleicht werden sich später Menschen unsere Räume
ansehen und sich wundern, dass sie nicht verbunden sind. Jeder hütet sein eigenes Feuer. Kräfte werden
nicht gebündelt. Jeder holt sein eigenes Holz. Und selbst die Jagd ist kein gemeinschaftlicher Akt mehr,
sondern ein Kampf mit dem Einkaufswagen.
Talent ist eine Form von Freiheit: die Fähigkeit, etwas zu sehen, was da ist, und sich nicht daran
hindern zu lassen, es zu zeigen – weder von einem System, das ordnet, noch von einer
Gesellschaft, die lieber verwaltet als versteht.
Und falls ihr jetzt denkt, ich würde euch etwas zurückzahlen, das ich euch zu gönnen hatte: Dann wart ihr
es nicht. Es waren die Menschen in der Schweiz. Auch dort habe ich meine Vorbehalte. Vielleicht ist
genau hier der Übergang vom Einzelnen zum System. Wurde das Sitzkissen kleiner, weil man Talent
gefördert hat? Oder größer, weicher, tragfähiger? Wo liegt der Preis, und was ist der Gewinn? Ist es eine
Rechnung, die aufgeht – oder nur ein System, das sich selbst erhält?
Wenn ich etwas möchte, dann ist jetzt der richtige Moment, auch wenn der Preis ein besonderer ist. Wenn
ich warte und denke, in drei Monaten wird es besser, ist das Stück Lebensmittel längst abgelaufen und hat
seinen Geschmack verloren. Meine Frage ist also: Was ist das bessere Geschäft? Wenn du handelst, um
zu profitieren, dann tu es. Aber tu nicht so, als wüsstest du nicht, was du dabei begräbst. Das zu wissen,
ist keine Option – es ist eine Verantwortung.
Nichts ist das Wort für das, was es ist. Und doch weiss niemand, was nichts ist. Man beginnt bei einer
Person. Dann werden es mehrere. Dann ein Muster. Dann ein System. Und irgendwann ein Land.
Nichts wird nicht bewusst gewählt. Es wird weitergereicht. Weil man nicht darüber spricht. Über Kriege.
Über Strompreise. Über das Unbequeme. Der Gewinn dieses Systems ist scheinbare Sicherheit. Der
Preis ist Einsamkeit. Ich sehe den Gewinn nicht. Aber den Preis sehe ich deutlich.
Ich darf nicht reden. Und wenn ich nicht darf, will ich auch nicht. Denn ich weiss nichts. Und ich weiss
nicht, welche Rolle die Menschen spielen, die die Faust in der Hosentasche machen. Ich passe mich an.
Aus Angst. Oder aus Liebe. Die Angst hält mich ruhig. Die Liebe hält mich hier. Liebe zu einer Person. Nur
zu einer. Ohne diese Liebe wäre ich weg.
Ich habe Preise. Auszeichnungen. Goldmedaillen. Und ich bezahle einen Preis. Im Italienischen sind
Gegensätze klar: caldo – warm, freddo – kalt. Im Deutschen trägt ein Wort oft zwei Bedeutungen. Ein
Preis ist Auszeichnung und Zahlung zugleich. Nicht durch den Inhalt, sondern durch Tonlage, durch Satz,
durch das Ungesagte. Und genau dort entsteht das Nichts.
Das Leben gleicht einem Jutesack: Er trägt den Inhalt, den Gewinn. Doch mit der Zeit altern seine Fasern.
Er verliert nicht an Menge, sondern an Qualität. Nicht der Inhalt verschwindet zuerst, sondern die
Fähigkeit, ihn zu halten.
Ich bleibe. Aber nicht um jeden Preis.
Mehr braucht es nicht.
Der Text steht.