Literatur Ben der Schweizer


Aus einem unbenannten Buch
Es lebte einmal ein Mann, der von Natur aus suchend war. Nicht ruhelos, nicht unzufrieden, sondern getragen von einer stillen Neugier, die ihn immer wieder aufbrechen ließ. Er hatte vieles gesehen und manches versucht, und doch blieb in ihm das Gefühl, dass das Eigentliche sich nicht dort zeigte, wo man es suchte.
Eines Abends saß er an seinem Schreibtisch. Vor ihm lag ein Brief. Draußen war es Nacht, und die Dunkelheit schien alles zu sammeln, was tagsüber zerstreut gewesen war. Er las den Brief langsam. Ein fremder Mann lud ihn ein, in ein fernes Land zu kommen. Er schrieb, er wolle von seinem Wissen Gebrauch machen, es verstehen, es weitertragen.
Während er las, spürte der Mann ein warmes, beinahe freundliches Einverständnis in sich aufsteigen. Und doch wusste er im selben Augenblick, dass dieser Fremde nicht die Antwort war. Vielleicht war er ein Zeichen. Vielleicht nur ein Übergang auf einem Weg, der sich nicht planen ließ.
So nahm er die Einladung an.
Er verbrachte einige Zeit dort, hörte zu, sprach wenig, beobachtete viel. Die Tage vergingen ruhig, fast gleichförmig. Und allmählich erkannte er, dass dies nicht sein Ziel war. Er fragte sich, wohin sein Weg ihn eigentlich führen wolle, und als er keine Antwort fand, sagte er sich: Es ist gut, zu warten. Auch das Warten hat seinen Sinn.
Eines Tages kam ein weiterer Brief. Darin stand ein Name: Ada. Mehr nicht. Und doch schien in diesem Namen etwas zu klingen, das ihn berührte. Seit sieben Jahren sind sie nun zusammen. Sie haben ein Haus verändert, Raum um Raum, als würden sie dabei auch sich selbst behutsam umbauen. Früher hätte er sich das nicht zugetraut. Nun erschien es ihm selbstverständlich. Ihre Zeit ist still und schöpferisch, nicht frei von Mühen, aber getragen von Vertrauen. Sie sind oft unterwegs.
Er zeigt ihr seine Weise zu sehen. Nicht das Sehenswerte, nicht das, wovon man erzählt, sondern das Unscheinbare. Wege, die keine Richtung vorgeben. Orte, die man übersieht. Augenblicke, die nur erscheinen, wenn man nicht nach ihnen greift. Er zeigt ihr den Alltag, wie er ist: widersprüchlich, schlicht, manchmal schwer, manchmal von leiser Schönheit. Nicht erklärt, nicht verteidigt. Nur geteilt.
Mit den Menschen des neuen Landes tat er sich schwer. Sie schienen mehr zu rufen als zu sprechen. Sie sagten, was erlaubt sei und was nicht, was gelten dürfe und was zu verschwinden habe. Doch ein Gespräch, ein echtes Gegenüber, entstand daraus nicht. Worte waren da, aber keine Stimmen.
Allmählich gewöhnte er sich daran, nicht mehr hinzusehen. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Schonung. Städte verloren ihre Namen, Straßen ihre Bedeutung. Gesichter wurden undeutlich, wie Spiegelbilder im Wasser. Was nicht gesehen wird, dachte er, verliert seine Macht. Und was seine Macht verliert, verschwindet vielleicht eines Tages von selbst.
Geblieben sind die Blumen am Rand der Wege. Sie wachsen dort, wo niemand sie bestellt hat. Still, beharrlich, unbeirrt. Vielleicht sind sie das Gedächtnis des Alltäglichen, dachte er, das leise Beharren des Lebens gegen alles Lautwerden.
Man sagte ihm, das Wetter sei schön. Doch es schneite.
Der Schnee fiel gleichmäßig, sanft, ohne Eile. Er legte sich zwischen die Dinge und nahm ihnen die Schärfe. Die Welt wurde stiller, weicher, als sähe man sie durch einen Schleier. Hinter diesem Schleier zeichnete sich ein Schloss ab, fern und unbestimmt. Man konnte seine Umrisse erahnen, nicht mehr. Es war da, ohne erreichbar zu sein.
Die beiden standen nebeneinander. Sie berührten sich nicht, und doch war Nähe da. Sie blickten nicht auf das Schloss, sondern in den fallenden Schnee. In diese weiße Stille, die nichts forderte.
Vielleicht, dachte er, muss man nicht alles betreten, um es zu verstehen.
Vielleicht ist es genug, da zu sein und zu sehen, wie die Dinge still werden.
Und der Schnee fiel weiter.