Mein Märchen



Ich glaube, ich habe dir eine Geschichte.
Sie beginnt in meinem gepanzerten Wohnturm.
Gepanzert – ja. Wir leben in einer harten Welt.
Jeder, der es sich leisten kann, lebt abgeschottet.
Diese Welt, die ich meine: Jeder hat zu Hause seine Wohnung, mit Raketen bestückt. Woher sie kommen, ist egal. Aus welchem Land auch immer. Auch wenn wir es hassten – billig musste es sein.
Und als keiner mehr den Mund öffnen konnte, aus Habgier, knallte der Erste eine davon ab.
Die anderen folgten.
Ich denke:
Wenn wir es wirklich wollten, müsste es nicht so weit kommen.
Aber vielleicht ist es schon zu spät.
Wir wollen uns nicht ändern,
weil wir sagen: Das Ende wird nicht unseres sein.
So reden wir heute.
Sylvia denkt das weiter:
Vielleicht ist genau dieser Satz das Problem.
Nicht das Ende, sondern die Annahme,
dass es immer die anderen trifft.
Ronja bleibt ruhig und sagt:
Oder wir täuschen uns.
Vielleicht ist es nie zu spät für eine Richtungsänderung,
sondern nur unbequem, es zuzugeben.
Und dazwischen stehe ich
und merke, wie leicht es ist zu denken
und wie schwer es ist, wirklich etwas zu lassen.
Jetzt liegt die Welt in Trümmern, direkt vor unseren Füßen.
So ist es halt.
Wie man hier überlebt?
Ich denke, wie vorher. Nur die Rahmenbedingungen haben sich verändert.
Alles liegt in Trümmern.
Ach ja – keiner schreit mehr, wenn du im Winter den Gehsteig nicht vom Schnee befreist.
Den Gehsteig gibt es nicht mehr.
Und die Schreier auch nicht.
Die Luft erreicht mich durch Filter.
Diese Filter sind mit Pflanzenblättern bestückt, die nachwachsen.
Das Wasser gewinne ich aus dem nächtlichen Tau.
Technologien, die ich schon vor dem GAU angewendet hatte.
Nur die Farm ist gewachsen.
Ich bin Vegetarier geworden.
Ja, was soll’s – manches schmeckt wie Fleisch. Gut gemacht sogar.
Eigentlich leckerer.
Es ist eine innere Kehrtwende, die jeder selbst einleiten muss.
Meine Funkgeräte habe ich selbst gebaut.
Sie erfassen nur Fetzen im Äther.
Vielleicht falsch gebaut.
Vielleicht falsch programmiert.
Aber selbst Morsezeichen empfange ich nicht.
Auch Fahnenbotschaften – wie auf hoher See – bringen kein Feedback.
Genau wie früher.
Als es offiziell noch Menschen gab.
Es kommt nichts zurück.
Zufall?
Oder Strategie?
Nach dem Motto: Ohne mich keine Zukunft.
Man kann es auch so sehen.
Diese Geschichte entstand aus Fantasie, ja.
Aber sie ist geboren aus Fakten, die ich hier so erlebe.
Ohne Anklage.
Vielleicht denken sie, die Probleme sterben mit denen, die sie erschaffen haben.
Ich glaube das nicht.
Und vielleicht ist es trotzdem eine Weihnachtsgeschichte.
Nicht, weil sie passiert ist.
Sondern weil wir sie uns noch vorstellen können.
Im Moment feiern wir zu zweit.
Viele haben abgesagt.
Nicht, weil wir knausrig sind oder arm.
Nicht, weil wir nichts zu geben hätten.
Sondern weil wir reden wollten.
Dem anderen Raum geben.
Zuhören.
Stattdessen wurde uns gesagt, wir seien zu alt.
Wir sollten abgeben.
Gehen.
Platz machen für das, was andere sein wollen –
auch wenn sie es selbst nicht sind.
Was soll ich sagen.
Ich bin immer noch in der Hoffnung.
Auch nach vielen Jahren.
Dass es ein Weihnachtsmärchen gibt.
Nicht laut.
Nicht für alle.
Aber vielleicht für zwei,
die sich noch etwas zu sagen haben.