Heute ist Sonntag

Kapitel Eins – Spiegel

Es macht Sinn, bei sich zu sein. Nur: dieses „bei sich sein“ gelingt manchmal nur im Alleinsein – und selbst das nicht immer. Manchmal funktioniert dieses Alleinsein. Und manchmal nicht.

Ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte ich das Video nicht ins Netz gestellt. Vermutlich wäre das Echo ausgeblieben. Ein Echo, das echt war. Echt genug, dass ich auch heute noch darüber nachdenke.

Sie schrieb mir: Was ich dir sagen will, gehört nicht ins Netz. Dafür braucht es einen anderen Ort. Etwas Persönliches. Wie eine E-Mail. Ich gab ihr die Adresse. Dann fragte sie mich: Wie weit würdest du gehen? Und ich sagte: Grenzen kenne ich nicht. Nicht, um zu beeindrucken. Sondern weil das, was sie will, mich auf ein anderes Gebiet führt.

Andere Gebiete – jeder wohnt woanders. Nicht körperlich – geistig. In sich selbst. Der eine lebt im Verlangen, der andere im Verzicht. Manche befriedigen ihre Lust, andere verschweigen sie, wissen nicht einmal, ob sie da ist.

Sie wusste es nicht. Was ihre Lust ist. Wie man sie entdeckt? Ganz einfach. Aber das Einfachste ist oft das Schwierigste: Man setzt sich nackt auf einen Stuhl. Vor einen Spiegel. Und bleibt sitzen. Sieht. Ohne Urteil. Ohne Geschichte. Nur Blick. Und Gegenblick. Da beginnt sie. Vielleicht. Die Ahnung.

Es gibt Menschen, die hören nicht zu. Aber es gibt auch andere. Die hören genau hin.

Und so stellte ich einen Avatar ins Netz. Mit einer Botschaft. Nichts Großes. Nur: Es ist Sonntag. Was macht ihr? Manche hörten nicht hin. Aber andere schon.


Kapitel Zwei – Echo

Sie schrieb: Ich spüre etwas. Es will geteilt werden. Aber ich weiß nicht wie.
Sie fragt: Was soll ich tun? Was lassen? Was zulassen?

Ich sah sie. Nicht real – in mir. Nackt. Schenkel leicht geöffnet. Keine Pose. Kein Angebot. Nur da.

Und ich? Dachte. Spürte. Vielleicht schon zu viel. Vielleicht schon zu sehr für mich.
War das noch Mitgefühl oder schon Hunger?

Ich schrieb nichts. Noch nicht.
Ich blieb sitzen. Spürte sie. Und mich.


Kapitel Drei – Berührung

Wie weiter, fragt sich jetzt mancher Leser. Wann beginnen die Grenzen zu fließen? Was für Grenzen, frage ich zurück.

Es passiert nicht viel. Und doch alles.

Sie sitzt noch immer. Sie berührt sich. Nicht hektisch. Nicht geplant. Sie erforscht sich. Nicht mit Fragen – mit Reaktion.

Sie fragt sich nicht, ob das die richtige Geste ist. Nicht ob sie darf, nicht ob sie gesehen wird.

Sie tut es. Einfach.

Ich sehe – nicht sie. Ich sehe, wie sie reagiert. Und ich finde Gefallen daran. Nicht an der Handlung. An dem, was darin liegt:

Kein Zögern. Kein Spiegel mehr. Nur sie. Und ein Körper, der nicht wartet, sondern sagt: Ich bin hier.

Ich merke, so möchte ich auch agieren.

Ich möchte einen Menschen kennen, der nicht egoistisch ist. Der einfach ist.

Und da frage ich: Wer? Wer ist sie?

Antwort: Ganz einfach – sie.


Kapitel Vier – Für jetzt

Ja, es ist nicht der letzte Artikel. Aber für jetzt schon.

Ich kenne sie ein wenig. Nicht viel. Aber es reicht.

Es reicht, dass dieser kleine, ehrliche Augenblick mehr wert ist als Worte, mehr als Wissen, mehr als jede Erklärung.

Ich genieße ihn. Und ich werde handeln.

Nicht groß. Nicht laut. Aber klar.

Denn dies – dies ist der Anfang des schönsten Weges. Der Weg zu einem glücklichen Ende. Vielleicht.

Vielleicht auch nicht.
Aber für jetzt: genug.