Jedes Gesicht ein Ereignis
Ereignisse aus einem Traum
Es gibt Träume, bei denen ich mich frage, ob sie etwas mit meiner Gegenwart zu tun haben. Ob sie Projektionen dessen sind, wie ich das Leben gerne hätte, oder Erinnerungen an etwas, das ich einmal erlebt habe.
Vielleicht ist es auch beides.
Was ich kenne, was mir einmal selbstverständlich war, scheint heute wie weggewischt. Und trotzdem ist es noch da. Nicht unbedingt in meinem Alltag, aber in meinen Träumen.
Ich muss dabei nicht einmal unglücklich sein. Ich sehe diese Farbtupfer des Lebens, geniesse sie und weiss eigentlich, dass ich auf nichts neidisch sein muss. Warum auch? Ich habe noch etwas, das mir geblieben ist: die Fähigkeit, wahrzunehmen, mich berühren zu lassen und mich über einen Augenblick zu freuen.
Ich muss nicht alles besitzen, was ich schön finde.
Manchmal frage ich mich allerdings, ob ich mit dieser Haltung zufrieden bin oder ob ich nicht doch ausbrechen möchte. Aus meiner jetzigen Situation, aus dem, was sich eingerichtet hat und vielleicht gar nicht mehr richtig zu mir passt.
Ich weiss es nicht.
Vielleicht kommt daher dieser Traum.
Die italienische Kleinstadt
Wir waren mit einem rot-blauen Reisebus unterwegs. Ein Ausflug in eine italienische Kleinstadt.
Woher wir kamen und wer alles mitfuhr, weiss ich nicht mehr. Meine Erinnerung beginnt eigentlich erst, als wir bereits ausgestiegen waren.
Wir befanden uns in einem Gebäudekomplex. Alle schienen sich auf etwas zu freuen, nämlich auf das Baden in Salzwasser.
Es sollte ein besonderes Wasser sein, eines, das einen trägt. Man kann sich einfach hineinlegen und auf der Oberfläche treiben, ohne etwas dafür tun zu müssen.
Ob wir tatsächlich darin gebadet haben, weiss ich nicht mehr. Die Vorfreude darauf ist mir geblieben.
Und dann war da diese junge Dame an meiner Hand.
Warum sie an meiner Hand ging, weiss ich nicht. Vielleicht hatte sie den Anschluss an ihre Gruppe verloren. Vielleicht glaubte ich das auch nur.
Jedenfalls gingen wir gemeinsam durch die Gassen dieser Kleinstadt.
Ich hatte nicht das Gefühl, für sie eine grosse Verantwortung übernehmen zu müssen. Sie war einfach da, an meiner Hand, und wir gingen unseren Weg.
Schliesslich fanden wir ihre Familie.
Und das war's.
Keine grosse Geschichte, keine Verpflichtung, kein Abschied, an den ich mich erinnern könnte. Vielleicht waren da noch begehrliche Blicke. Irgendetwas war, glaube ich. Aber nichts, worüber ich hätte sprechen oder Rechenschaft ablegen müssen.
Es war eine Begegnung.
Und manchmal genügt mir das.
Das Italien, das ich kenne
Was mir an dieser Stadt auffiel, war das Leben in den Gassen.
Wer Italien kennt, nicht nur das Italien der Touristen, sondern das wirkliche Italien, weiss vielleicht, was ich meine.
Das Leben hat dort einen anderen Stellenwert als bei uns.
Da sitzen Menschen an Tischen. Sie essen, trinken, reden miteinander. Sie nehmen sich Zeit oder lassen sie einfach vergehen. Jedenfalls erscheint mir das so.
Es ist nichts Aussergewöhnliches. Und vielleicht ist gerade das das Aussergewöhnliche daran.
Niemand muss einen besonderen Anlass schaffen, um mit anderen zusammenzusitzen.
Das Leben findet statt.
Ich kenne das. Ich habe es erlebt. Vielleicht liegt mir deshalb so viel daran.
Hier scheint mir manches davon verschwunden zu sein. Weggewischt, könnte man sagen. Nicht unbedingt aus der Welt, aber aus meiner unmittelbaren Umgebung.
Und dann taucht es in einem Traum wieder auf.
Nicht als grosse Sehnsucht, die mich verzweifeln lässt. Eher als Erinnerung daran, wie sich Leben anfühlen kann.
Die Frauen und ihre Küsse
Gegen Ende des Traumes sass ich mit einem Freund an einem Tisch.
Ich weiss, dass er in Hamburg lebt und mit Containern aus China handelt. Viel mehr fällt mir über ihn in diesem Zusammenhang nicht ein.
Wir unterhielten uns.
Und dann kamen sie.
Die Frauen.
Ich sah sie, eine nach der anderen. Ich erinnere mich an ihre Erscheinungen, an ihre Gesichter, an die Art, wie sie auf mich zukamen.
Eine von ihnen hatte wunderschöne Beine und trug einen Minirock. Sie war ausgesprochen begehrenswert. Das fiel mir auf, warum sollte es auch nicht?
Ich sah sie an und fragte mich, was ich eigentlich wollte.
Was würde ich zulassen? Was nicht?
Es war eine Art innerer Spannungskampf, aber keiner, der mich quälte. Vielleicht war es einfach die Frage, ob ich eine Gelegenheit ergreifen wollte oder ob es mir genügte, sie wahrzunehmen.
Oder wusste ich bereits, was geschehen könnte, wenn ich meine Wünsche ausspreche?
Vielleicht wollte ich genau das nicht.
Keine Ahnung.
Was ich noch weiss: Ich wurde, glaube ich, viermal begrüsst.
Beim ersten Mal küsste mich eine Frau auf den Mund.
Vielleicht war es dort Sitte. Vielleicht war es auch einfach der Augenblick.
Jedenfalls begrüssten mich alle diese Frauen auf dieselbe Weise. Mit einem Kuss auf den Mund.
Und das berührte mich.
Nicht weil ich mit Nähe ein Problem hätte. Im Gegenteil. Nähe ist für mich nichts, wovor ich mich fürchten müsste. Nur hier, in meiner jetzigen Umgebung, ist manches anders. Das weiss ich.
Es ging auch nicht um eine verpasste Chance.
Ich hatte nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Vielleicht blieb etwas ungesagt. Vielleicht hätte ich etwas sagen können, vielleicht sogar sollen.
Aber warum eigentlich?
Muss aus jeder Begegnung etwas werden?
Muss ich eine Gelegenheit nutzen, nur weil sie sich ergibt?
Ich suche doch nicht nach dem Glück, um mich darzustellen. Ich suche mir auch nicht die Gelegenheiten aus, um von ihnen zu profitieren.
Sie finden mich.
Und das weiss ich.
Diese Frauen kamen auf mich zu. Sie begrüssten mich, küssten mich, und ich durfte diesen Augenblick erleben.
Ohne mich erklären zu müssen.
Ohne etwas versprechen zu müssen.
Ohne dass daraus eine Geschichte entstehen musste, die ich anschliessend zu verantworten hätte.
Und mitten darin dachte ich:
Jedes Gesicht ein Ereignis.
Was für ein eigenartiger Gedanke.
Denn die Gesichter waren mir im Traum vertraut, obwohl ich keine dieser Frauen aus meinem jetzigen Leben kenne.
Ich kann mich an sie erinnern, und doch kann ich sie nicht benennen. Es sind Gesichter aus meinem Unterbewusstsein. Vielleicht aus Erinnerungen zusammengesetzt, vielleicht aus etwas, das sich mein Kopf selbst geschaffen hat.
Sie gehören zu niemandem, den ich hier kenne.
Und trotzdem waren sie mir nahe.
Leider kann ich keines dieser Gesichter heute genau beschreiben.
Oder vielleicht ist das gar nicht so bedauerlich.
Vielleicht war nicht das Gesicht das Wesentliche, sondern die Begegnung.
Der Torbogen und die Puppe
Eine andere Szene ist mir geblieben. Eine ziemlich eigenartige.
Ein Fahrzeug fuhr in eine Hofeinfahrt. Es wirkte beinahe wie ein Krankenwagen.
Was dann geschah, ist schwer zu beschreiben.
Aus einem kleinen Torbogen kam eine Puppe hervor. Sie schien zu leben, jedenfalls bewegte sie sich so, als würde sie von einer menschlichen Hand geführt.
Dahinter lag ein Mensch am Boden, mit einem Tuch, und schleppte sich vorwärts.
Ich glaube, es waren zwei Gestalten. Die Puppe und der Mensch, der sie führte, oder vielleicht noch jemand anderes. So genau weiss ich es nicht mehr.
Es war ein seltsames Bild.
War es ein Spiel?
Eine Vorführung?
Eine Möglichkeit, etwas auszudrücken, das sich anders nicht zeigen lässt?
Ich weiss es nicht.
Aber irgendetwas daran beschäftigte mich.
Vielleicht war es die Frage, was eigentlich lebendig ist und was nur durch einen anderen zum Leben erweckt wird.
Da war eine Puppe, die sich bewegte, weil jemand sie führte. Und da war ein Mensch, der sich mühsam am Boden vorwärtsbewegte.
Wer trug hier eigentlich wen?
Wer war abhängig von wem?
Vielleicht hatte dieses Bild auch eine ganz andere Aussage.
Dass wir Menschen allein sind. Dass wir uns manchmal etwas wünschen, das auf uns hört, das für uns da ist.
Etwas, von dem wir wissen, dass es uns begleitet.
Nicht unbedingt, um uns zu gehorchen. Vielleicht einfach, damit überhaupt jemand oder etwas da ist.
Ob das die Botschaft war?
Keine Ahnung.
Ich möchte aus dieser Szene auch nicht mehr machen, als ich tatsächlich gesehen habe. Nur weil ein Bild sonderbar ist, muss es nicht gleich eine grosse Wahrheit enthalten.
Aber es darf mich beschäftigen.
Der falsche Weg
Eine letzte Szene ist mir geblieben.
Ich ging eine Gasse hinunter. Ich glaube, es war bereits das dritte Mal, dass ich durch diese Gasse ging.
Wohin ich wollte, weiss ich nicht mehr genau.
Ich wusste nur, dass ich zurückmusste.
Wir sollten uns zur Heimfahrt treffen.
Wer dieses «Wir» eigentlich war, kann ich nicht sagen. Vielleicht die Reisegruppe aus dem rot-blauen Bus. Vielleicht andere Menschen.
Die Heimfahrt stand jedenfalls bevor.
Und irgendwo in mir war noch die Frage, ob ich die Frauen wiedersehen würde.
Was würde ich tun, wenn ich ihnen nochmals begegnete?
Würde ich sie begrüssen? Würde ich etwas sagen? Würde ich vielleicht doch etwas zulassen, das ich vorher nur genossen hatte?
Ich weiss es nicht.
Dann erfuhr ich, dass viele Teilnehmer durch diesen Torbogen gegangen waren. Wie viele, weiss ich nicht. Jedenfalls stellte sich heraus, dass dies die völlig falsche Richtung war.
Eine eigenartige Erkenntnis.
Da gehen offenbar viele Menschen denselben Weg, und trotzdem ist es der falsche.
Vielleicht war es ein Irrtum. Vielleicht hatte ich mich einfach verlaufen.
War es ein Fluch?
Ich weiss es nicht.
Auch die Stadt selbst gibt mir Rätsel auf.
Kann es sein, dass ich sie kenne? Dass ich einmal in einer solchen Kleinstadt gewesen bin und sich ihre Bauweise in meiner Erinnerung erhalten hat?
Oder habe ich mir diesen Ort selbst gebaut?
Aus Gassen, Gebäuden und Plätzen, die ich irgendwo gesehen habe?
Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, wo diese Stadt liegt.
Im Traum war ich dort.
Ich begegnete Menschen, die miteinander lebten. Ich führte eine junge Frau an der Hand und fand ihre Familie. Ich sass mit einem Freund am Tisch. Frauen begrüssten mich mit Küssen. Ich sah eine Puppe, die beinahe lebendig wirkte, und einen Menschen, der sich am Boden vorwärtsbewegte.
Und am Ende suchte ich den Weg zurück.
Was davon war Erinnerung?
Was war Wunsch?
Und was gehört vielleicht zu einem Leben, das ich noch gar nicht kenne?
Ich weiss es nicht.
Aber ich weiss, dass ich diese Farbtupfer geniesse.
Ich muss sie nicht immer auftupfen. Manchmal betrachte ich sie einfach, solange sie da sind.
Bis sie verblassen.
Und vielleicht kommen neue.
Prolog am Ende
Zwei Freunde, zwei Jahrhunderte, ein Traum
Ich stelle mir vor, Carl Gustav Jung und E. T. A. Hoffmann würden meinen Traum lesen.
Sie kennen sich nicht. Zwischen ihren Lebenszeiten liegt beinahe ein Jahrhundert, und ihre Denkweisen gehören unterschiedlichen Welten an.
Der eine war Psychiater und beschäftigte sich mit den Bildern des Unbewussten.
Der andere war Jurist, Schriftsteller und ein Meister jener Geschichten, in denen sich das Wirkliche und das Unwirkliche begegnen, ohne dass man immer weiss, wo die Grenze verläuft.
Ich würde sie nicht um ein Urteil bitten.
Ich möchte nicht wissen, was mit mir nicht stimmt.
Mich würde interessieren, was sie darin entdecken und welche Möglichkeiten sie sehen.
Carl Gustav Jung – Die Möglichkeiten des Unbewussten
Jung würde sich vermutlich nicht zuerst mit dem Kuss beschäftigen, sondern mit der Frage, wie ich heute lebe.
Er könnte mich fragen, was mir in meiner gegenwärtigen Welt fehlt und was ich mir trotzdem bewahrt habe.
Vielleicht würde er sagen:
«Sie führen eine junge Frau an der Hand, bis sie ihre Familie wiederfindet. Dann lassen Sie sie gehen. Später kommen die Frauen von sich aus auf Sie zu. Sie müssen niemanden suchen, niemanden erobern. Sie werden begrüsst und angenommen.
Bemerkenswert ist nicht nur die Nähe, sondern auch Ihre Freiheit, nichts daraus machen zu müssen.
Vielleicht zeigt Ihnen der Traum eine Möglichkeit des Lebens, die in Ihrer Gegenwart weniger Raum findet, die Ihnen innerlich aber keineswegs verloren gegangen ist.»
Ich würde ihn vermutlich fragen, ob ich also unzufrieden bin.
Und er könnte antworten:
«Das wäre zu einfach. Ein Traum muss nicht beweisen, dass Sie unzufrieden sind. Vielleicht ergänzt er nur etwas, das Ihr bewusstes Leben derzeit wenig berücksichtigt.
Sie erleben Begegnung, Zugehörigkeit, Berührung und Freiheit. Das sind keine Befehle, etwas zu verändern. Es sind Möglichkeiten.»
Und die Farbtupfer?
«Vielleicht sollten Sie sich weniger fragen, warum sie verblassen, als vielmehr, weshalb Sie sie überhaupt noch so deutlich wahrnehmen können.»
Darüber müsste ich nachdenken.
Denn lebendig fühle ich mich ja.
Das weiss ich.
E. T. A. Hoffmann – Die Puppe, die sich bewegt
Hoffmann würde vermutlich über den Torbogen nachdenken, die Puppe betrachten und dann mit einem leisen Lächeln an seine eigene Geschichte Der Sandmann erinnern.
Dort gibt es Olimpia, eine künstliche Frau, die Nathanael für lebendig hält. Er sieht in ihr etwas, das sie selbst gar nicht besitzt. Er verliebt sich auch in das, was seine eigene Vorstellungskraft erschaffen hat.
Hoffmann könnte mich mit einer gewissen Ironie fragen:
«Mein lieber Freund, Sie erzählen mir von einer Puppe, die durch einen Torbogen kommt, während ein Mensch sich hinter ihr am Boden vorwärtsschleppt.
Und Sie wundern sich, dass ich neugierig werde?
Vielleicht ist ja die Frage nicht, weshalb die Puppe lebt, sondern weshalb der Mensch solche Mühe haben muss, sie lebendig erscheinen zu lassen.»
Ich würde ihm sagen, dass ich den Sinn dieser Szene nicht kenne.
«Umso besser», könnte er erwidern. «Nicht jedes Rätsel verliert dadurch an Wert, dass es ungelöst bleibt.»
Dann würde ich ihm von den Frauen erzählen. Von ihren Blicken, ihren Küssen und davon, dass mich diese Begegnungen berührt haben.
Vielleicht würde er lächeln und sagen:
«Wissen Sie, mein Nathanael hat in einer Puppe das gefunden, was er sehen wollte. Sie hingegen begegnen Frauen, die auf Sie zukommen, und fragen sich nicht einmal sicher, ob Sie mehr von ihnen wollen.
Vielleicht besteht gerade darin Ihre Freiheit.
Sie können etwas Schönes wahrnehmen, ohne gleich eine Geschichte daraus machen zu müssen.
Nur sollten Sie aufpassen, dass Sie vor lauter Freude an den Möglichkeiten nicht vergessen, dass auch die Wirklichkeit gelegentlich eine Überraschung bereithält.»
Ich würde ihm wohl antworten:
«Das weiss ich. Ich suche mir die Gelegenheit nicht aus. Sie findet mich.»
Vielleicht hätte Hoffmann daran seine Freude.
Denn was wäre die Welt seiner Erzählungen ohne das Unerwartete?
Und ich?
Zwei Betrachtungen. Keine Verurteilung und keine endgültige Erklärung.
Jung würde mich vielleicht daran erinnern, dass mein Inneres Möglichkeiten bewahrt, die mein Alltag nicht immer erkennen lässt.
Hoffmann könnte mir zeigen, wie leicht wir einem Bild Leben verleihen, weil wir etwas darin entdecken möchten. Aber auch, wie viel Fantasie und Lebendigkeit darin liegen, wenn wir uns überraschen lassen.
Und ich?
Ich habe die Frauen gesehen.
Ich habe ihre Küsse gespürt.
Ich habe mich darüber gefreut.
Ich musste niemanden fragen, ob ich das durfte.
Vielleicht ist das die einfachste Wahrheit dieses Traumes.
Ich bin lebendig. Ich sehe die Farbtupfer. Ich geniesse sie. Und nicht aus jedem Augenblick muss eine Verpflichtung entstehen.
Was daraus wird, weiss ich nicht.
Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht wissen.
