Meine Reise
Kapitel 1 –
Einfach dort sein Ich wachte auf und hörte zuerst den Regen. Nicht dieses feine Prasseln, das irgendwie beruhigend sein kann. Richtigen Regen. So einen, bei dem du schon im Bett weisst, dass draussen alles grau sein wird. Ich drehte den Kopf zum Fenster. Die Wolken hingen tief über der Stadt und stiessen gegeneinander, als würden sie selber irgendeinen Kampf austragen. Und natürlich dachte ich: Ausgerechnet heute. An so einem Tag müsste doch die Sonne scheinen. Warum eigentlich? Keine Ahnung. Vielleicht hatte ich einfach eine andere Vorstellung davon, wie ein Tag aussehen sollte, an dem etwas passieren könnte. Metaphysik. Oder schlechte Laune nach einer Nacht allein. Wobei, wenn ich ehrlich bin, war die Nacht allein meine eigene Wahl gewesen. Also half Jammern auch nichts. Ich blieb noch einen Moment liegen, aber nicht lange. Wenn ich wach bin, bin ich wach. Die Kaffeemaschine hatte dank Zeitschaltuhr ihren Job bereits erledigt. Wenigstens auf Technik konnte man sich verlassen. Ich stand auf, ging duschen und stand danach noch nass und ungekämmt vor dem Fenster. Draussen war alles grau. So grau, dass ich von den Häusern gegenüber kaum noch die Dächer erkennen konnte. Die Regentropfen liefen an der Scheibe herunter, und gleichzeitig perlte mir noch das Wasser vom Duschen über den Körper. Ich nahm einen Schluck Kaffee. Und in diesem Moment hätte ich sie gerne bei mir gehabt. Einfach da. Nicht einmal unbedingt wegen Sex. Nur jemanden neben sich zu haben. Wärme. Nähe. Dieses Gefühl, dass man morgens nicht allein vor einem grauen Fenster steht. Aber wenn ich ehrlich bin, hätte ich mich darum am Abend vorher kümmern können. Telefon nehmen. Eine Nummer wählen. «Kommst du noch?» So schwer wäre das nicht gewesen. Nummern hatte ich genug. Zumindest bildete ich mir das damals ein. Und wahrscheinlich hätte ich sogar jemanden erreicht. Oder eben nicht. Ein kleiner Test. «Heute?» «Sorry, keine Zeit.» Dann weiss man wenigstens, woran man ist. Aber an diesem Morgen wollte ich niemanden anrufen. Also liess ich es. Ich stellte die Tasse weg und öffnete den Kleiderschrank. Wer die Wahl hat, hat die Qual, sagt man. Und diese Qual war für mich gar nicht so unwichtig. Es ging nicht nur darum, was man anzieht. Es ging auch darum, wie man sich selber sehen will, wenn man vor die Tür geht. Overdressed ging nicht. Also Jeans. Dazu ein hellblaues Hemd, fast weiss. Ich mochte Hemden zum Knöpfen. Vielleicht weil man damit angezogen ist, ohne gleich auszusehen, als hätte man sich für einen Staatsempfang vorbereitet. Ich zog es an und sah in den Spiegel. Passte. Mehr brauchte es nicht. Ich glaube sowieso, dass man sich zuerst selber gefallen muss. Nicht im Sinn von: Schau, wie toll ich bin. Eher so, dass du in den Spiegel schaust und denkst: Ja. So gehe ich raus. Wenn das stimmt, hast du schon die Hälfte dessen erreicht, was andere später Ausstrahlung nennen. Vielleicht ist Ausstrahlung gar nichts Geheimnisvolles. Vielleicht ist es einfach dieses Gefühl, dass du dir selbst glaubst. Dass du nicht verkleidet bist. Dass du nicht draussen erst herausfinden musst, wer du heute sein willst. Ich sah auf die Uhr. In Filmen ziehen Männer in solchen Momenten eine Schublade auf, und darin liegen zwanzig Chronometer ordentlich nebeneinander. Bei mir waren es zwei. Eine Festina. Ja, ich weiss. Radsport. Doping. Die ganzen Geschichten. Aber dank Quarzwerk lief meine jedenfalls nicht schneller deswegen. Und dann hatte ich noch meine Glashütte. Die faszinierte mich mehr. Mechanisch. Durch die Bewegung des Handgelenks zieht sie sich auf. Ich mochte das. Etwas funktioniert, weil man sich bewegt. Heute könnte man daraus wahrscheinlich irgendeine grosse Lebensweisheit machen. Damals nahm ich einfach die Glashütte. Ich schnallte sie ums Handgelenk. Fertig. Dann meine Tasche. Ein paar Sachen hatte ich eingepackt, falls ich in der Stadt übernachten wollte. Ich hatte mir gesagt: Wenn ich am Abend das Gefühl habe, dass ich bleiben will, dann bleibe ich. Nicht weil ich muss. Sondern weil ich es geniessen will. Und wenn nicht, fahre ich eben wieder nach Hause. Ich mochte diese Möglichkeit. Nicht alles vorher festlegen. Etwas offenlassen. Schauen, was der Tag macht. Oder was ich daraus mache. Ich zog die Appartementtür hinter mir zu. Appartementtür. Nicht Haustür. So viel Genauigkeit muss sein. Dann in den Lift. Runter in die Tiefgarage. Und da stand er. Mein weisser Maserati. Breitbeinig. Schön. Irgendwie passend zu mir. Ja, vielleicht ein bisschen eingebildet. Oder vielleicht mochte ich einfach das Gesamtbild. Ich hatte nie verstanden, warum man sich dafür entschuldigen sollte, wenn einem etwas Schönes gefällt. Ich stieg ein. Die Tiefgaragentür öffnete sich, und sofort prasselte der Regen auf die Windschutzscheibe. Scheibenwischer an. Motor. Licht. Ein paar Meter später stand ich schon an der ersten Ampel. Rot. Ich sass da und wartete auf Grün, als würde gleich ein Formel-1-Rennen beginnen. Völlig übertrieben natürlich. Aber genau so fühlte es sich in diesem Moment an. Dann wurde die Ampel grün. Ich gab Gas. Der Maserati trat mir in den Rücken. Und damit begann der Tag. Basel blieb langsam hinter mir. Vor mir lagen Strasse, Regen, Verkehr und irgendwann die Stadt am See. Ich mochte solche Fahrten. Vielleicht nicht einmal wegen des Fahrens allein. Es war dieses Dazwischen. Du bist nicht mehr dort, wo du herkommst. Aber auch noch nicht da, wo du hinwillst. Ein Stück Zeit, in dem noch nichts entschieden ist. Musik. Scheibenwischer. Motor. Gedanken. Mehr brauchte es nicht. Ich fuhr zu diesem Kurs. Kommunikation. Selbsthypnose. Roger leitete ihn. Er war mein Ausbilder. Ich kannte diese Kurse inzwischen. Ich wusste ungefähr, was mich erwartete, und trotzdem war jeder anders. Vielleicht lag das weniger am Inhalt als an den Menschen. An einem Satz. Einem Gespräch. Einer Begegnung. Manchmal reicht ja ein Mensch, und der ganze Tag bekommt plötzlich eine andere Richtung. Als ich ankam, kannte ich einige Leute. Die meisten aber nicht. Das störte mich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich kam hinein, sah Menschen, die miteinander redeten, Jacken auszogen, Kaffee tranken, sich irgendwo einen Platz suchten. Ganz normal eigentlich. Und trotzdem fühlte es sich nicht fremd an. Der Raum war schön. Ich könnte jetzt Möbel beschreiben, Licht, Wände und was weiss ich. Aber darum ging es nicht. Es war einfach ein schöner Ort. Offen. Angenehm. Ein Ort, an dem man sich hinsetzen konnte und nicht das Gefühl hatte, man müsse gleich wieder irgendwohin. Vielleicht erinnere ich ihn heute ein bisschen anders, als er tatsächlich war. In meinem Kopf ist er fast wie diese grossen offenen Räume mit zwei verbundenen Bereichen, viel Licht, Ruhe, Platz. Vielleicht hat die Erinnerung etwas dazugebaut. Kann sein. Aber das Gefühl hat sie nicht erfunden. Das weiss ich. Ich setzte mich zu Menschen, von denen ich viele nicht kannte. Und es war mir egal, dass ich sie nicht kannte. Niemand musste mir zuerst erklären, wer er war. Ich musste auch niemandem erklären, wer ich war. Wir waren einfach dort. Für ein paar Stunden. Und genau das hatte etwas. Früher gab es dieses Gefühl öfter. Dass man irgendwo hinkommt und jemand wirklich zuhört. Nicht wartet, bis er selbst wieder reden kann. Nicht sofort etwas aus dir machen will. Einfach zuhört. Vielleicht war es genau das, was ich an diesen Kursen mochte. Man war zusammen in einem Raum und für eine Weile musste das Leben draussen nicht beantwortet werden. Roger begann irgendwann. Ich weiss heute nicht mehr, was seine ersten Worte waren. Und wenn ich jetzt behaupten würde, ich wüsste es noch genau, würde ich mir wahrscheinlich etwas zusammenbauen. Das will ich nicht. Ich weiss nur noch, wie es sich anfühlte. Draussen konnte es regnen. Die Nacht davor konnte allein gewesen sein. Basel konnte hinter mir liegen. Der Maserati unten stehen. Alles war plötzlich nebensächlich. Ich war da. Mehr eigentlich nicht. Aber manchmal ist genau das viel. Ich sass in dieser Runde, zwischen Menschen, die ich grösstenteils nicht kannte, und hatte trotzdem nicht das Gefühl, irgendwo fremd zu sein. Eher das Gegenteil. Wie Heimkommen. Nicht nach Hause kommen. Heimkommen. Nur für ein paar Stunden vielleicht. Aber trotzdem. Ich musste nichts darstellen. Nichts beweisen. Nichts entscheiden. Ich musste auch noch nicht wissen, was dieser Tag bringen würde. Ich war einfach angekommen. Und für diesen Moment war das genug.
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