Das Feuer in uns
Das Seminar in Luzern hatte gerade erst begonnen, als ich eine Frage in den Raum stellte:
„Was tragt ihr in euch? Wovon träumt ihr nachts im Schlaf?“
Für ein paar Sekunden herrschte Stille. Einige Gesichter schauten mich neugierig an, manche mit einem leichten Lächeln, andere eher fragend. Dann kamen die ersten Antworten: Mut, Hoffnung, Verantwortung.
Ich spürte, dass die Stimmung noch zögerlich war. Also griff ich spontan zu einem Notizblock und einem Stift, warf beides in die Mitte des Raumes und sagte:
„Schreibt eure Gedanken auf.“
Die Teilnehmer sahen einander an. Schließlich traute sich jemand nach vorne, hob den Block auf und begann zu schreiben. Nach und nach kamen weitere dazu. Am Ende lag der Block wieder vor mir.
Ich blätterte durch die Seiten. Da standen Namen, Telefonnummern, einzelne Gedanken. Doch ein Wort stach mir sofort ins Auge:
Feuer.
Ich hielt den Block hoch und sprach das Wort aus. „Feuer.“ Ich ließ es einen Moment im Raum stehen und merkte, wie sich die Stimmung veränderte.
„Feuer“, wiederholte ich. „Das ist es doch, was wir in Beziehungen brauchen. Diese Leidenschaft, die uns antreibt, die uns wach macht und lebendig hält.“
Ich spürte, wie die Zuhörer aufmerksamer wurden.
„Soll ich euch eine Geschichte erzählen?“, fragte ich.
Viele nickten. Und ich wusste: Jetzt waren sie da.
„Stell dir vor“, begann ich, „du bist unterwegs, irgendwo an der Küste. Ich war mit meinem Van auf einer einsamen Straße unterwegs und hatte mich irgendwo in der Pampa abgestellt. Es war eine dieser Nächte, in denen die Stille so laut ist, dass man die eigenen Gedanken fast hören kann.
Plötzlich klopfte es an die Tür.
Verwirrt und etwas angespannt stand ich auf, ging zur Tür und öffnete sie. Davor stand sie: die Woman in Red. Wie aus einem Traum herausgetreten. Sie hatte etwas Unnahbares und gleichzeitig etwas Vertrautes.
Ich dachte: Ist das wirklich real? Oder bin ich in meinem eigenen Kopf gefangen?“
Ich sah, wie die Zuhörer an meinen Lippen hingen.
„Manchmal“, sagte ich leise, „kommen Träume an deine Tür und klopfen. Sie fragen nicht um Erlaubnis. Sie sind einfach da. Und manchmal sehen Träume aus wie eine Frau im roten Kleid.
Ich wusste nicht, ob ich träumte oder wach war. Aber es war selbstverständlich, dass sie da war. Als wäre es vorherbestimmt. In dem Moment, als ich ihr gegenüberstand, wusste ich: Manchmal findest du dein eigenes Feuer genau dann, wenn du es am wenigsten erwartest.“
Die Reise ging weiter.
Ich bestaunte sie. Und in meinem Kopf war nur dieser eine Gedanke:
Woman in Red.
Das ist es.
Alles, was ich wusste, war, dass ich sie kannte. Oder zumindest das, was sie verkörperte. Ich sprach über sie als Person, doch zugleich wusste ich: Ihr müsst eure Fantasie gebrauchen, um zu verstehen, wer sie ist. Und vielleicht ist gerade das gut so.
Ich bat sie hinein.
Sie trat in meinen Raum ein. In den Raum, der mich bisher geschützt hatte. Und nun stand sie mitten darin.
Ich wusste genau, wie es war, als wir uns gemeinsam ins Traumland stürzten. Es war schon immer mein Traum gewesen, einen selbstgebauten Steinofen zu besitzen. Doch bisher fehlte die Zeit. Es gab immer eine Ausrede.
Aber in dieser Nacht, in meinem Traum, baute ich den Ofen draußen vor dem Van. Wie ein Denkmal für alle Zeit.
Als ich aufwachte, war alles eigenartig.
Der Tisch draußen war gedeckt. Auf einem Teller lag frisches Brot. Der nächste Bäcker war weit und breit nicht zu finden.
Dann kam sie mit einem Lächeln zu mir, gab mir einen Kuss und dankte mir für den Ofen und das leckere Brot.
Diese wunderbare Schöne.
Sie war ein Traum. Und doch war alles so real.“
Ich machte eine kurze Pause und sah in die Runde.
„Und genau das ist es, was ich euch heute mitgeben will: Das Feuer in euch ist da. Manchmal müsst ihr einfach nur die Tür öffnen, wenn es anklopft. Und keine Angst haben, dass es nur ein Traum ist.“
Der Raum war still.
Aber es war keine unangenehme Stille. Es war die Art von Stille, die zeigt, dass Menschen nachdenken.
Über das Feuer, das sie in sich tragen.
Und über die Träume, die sie vielleicht noch nicht hereingelassen haben.