Spanien 2026
Leicht wie hingeschrieben, ruhig wie erinnert, offen zwischen Anfang und Ende.
Spanien, 2026. Ich fuhr ohne Ziel. Nicht, weil ich keines hatte, sondern weil ich gelernt hatte, dass Ziele oft nur Geschichten sind, die man sich erzählt, um weiterzufahren. Der Maserati lief ruhig, nicht laut, eher wie ein Gedanke, der sich nicht aufdrängen wollte. Dann sah ich sie. Sie lief an einer Wand entlang, bemalt, wild, fast zu lebendig für diesen Ort. Poppig. Frei. Fast wie Janis Joplin in Bewegung. Ich fuhr weiter, einen Moment zu lange, und hielt dann doch an.
„Du fährst, ohne anzukommen“, sagte sie. Ich nickte. „Und du gehst, ohne zu suchen.“ Sie stieg ein, als wäre es nichts. Keine Vorsicht, keine Inszenierung. Wir fuhren. Nach einer Weile sagte sie: „Du hast nichts dabei.“ Ich antwortete: „Ich brauche nichts.“ Sie sah nach vorne und entgegnete: „Oder du hast nichts mehr.“ Ich lächelte leicht. „Vielleicht hatte ich nie etwas.“ Sie schwieg kurz. Dann sagte sie: „Ich suche etwas.“ – „Was?“ – „Etwas, das bleibt.“ Ich atmete aus. „Ich hatte vieles. Und ich habe gemerkt: Es hält dich fest.“ „Vielleicht ist genau das der Sinn“, sagte sie. Ich sagte nichts.
Wir fuhren ans Meer, nicht direkt, sondern in Umwegen, wie immer. Am Abend hielten wir an. Ein kleines Restaurant. Kein besonderer Ort. Genau deshalb richtig. Wir saßen an einem einfachen Tisch, aßen langsam und redeten wenig. Dann kam er. Ein Mann, ruhig, präzise, mit der Sicherheit eines Menschen, der sein Handwerk kennt. „Ich habe einen Schneiderladen hier“, sagte er. „Meine Frau und ich haben Sie gesehen.“ Er schaute sie an. „Sie beide, so etwas sieht man selten.“ Ich lehnte mich zurück. Sie blieb still. Dann sagte er: „Ich möchte Ihnen ein Kleid machen. Über Nacht.“ Ich lachte leise, nicht spöttisch, eher überrascht. Sie fragte: „Warum?“ Er antwortete ohne Zögern: „Weil Sie ein besonderes Paar sind. Und weil ich glaube, dass ich das nie wieder sehe.“ Sie schaute kurz zu mir, nicht suchend, nur prüfend, und sagte dann: „Ja.“
Am nächsten Tag standen wir in seinem Laden. Das Kleid hing da, als hätte es sie schon gekannt. Sie zog es an, drehte sich zu mir und fragte: „Und?“ Ich sah sie an und sagte: „Du brauchst kein Kleid. Aber dieses versteht dich.“ Da lächelte sie, zum ersten Mal ohne Abstand. Am Nachmittag redeten wir lange. Über Dinge, die man nicht planen kann. Sie sagte: „Du gibst mir Raum.“ Ich antwortete: „Und du füllst ihn.“ Sie nickte. Dann, leise, kam das Wort, das alles veränderte, obwohl nichts geschah: „Ich will Familie.“ Es blieb zwischen uns stehen. Ich spürte es im Körper, nicht im Kopf. „Ich war nie allein“, sagte ich. „Und habe mich trotzdem eingeengt gefühlt.“ Sie fragte: „Wie geht das?“ Ich antwortete: „Weil Nähe auch Druck ist.“ Sie sah mich an, nicht verletzt, aber klar.
Später fuhren wir weiter. „Wohin?“, fragte sie. Ich zuckte leicht mit den Schultern. Sie sagte: „Marseille.“ Ich sah auf die Straße. „Vielleicht.“ Wir taten beide so, als wüssten wir es nicht. Aber wir wussten es. Marseille wurde unser Ort. Der Hafen wurde unser Platz. Wir saßen dort oft, zu oft für Menschen mit Plänen. Boote kamen und gingen. Wir blieben. Eines Abends sagte sie: „Du gibst alles.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe nichts.“ Sie erwiderte ruhig: „Doch. Du gibst Zeit. Du gibst Raum.“ Ich sah aufs Wasser. „Das kostet nichts.“ Sie sagte: „Das ist alles.“ Ein anderer Abend, Wind, Stille. Dann sagte sie: „Ich will nicht allein bleiben.“ Ich nickte langsam. „Ich will nicht gefangen sein.“ Sie sah mich an. „Dann sind wir ein Widerspruch.“ Ich lächelte leicht. „Oder eine Möglichkeit.“
Lange sagten wir nichts. Dann fragte sie: „Und was machen wir jetzt?“ Ich lehnte mich zurück und sagte: „Wir entscheiden nichts.“ Sie schaute mich an. „Das ist auch eine Entscheidung.“ Ich nickte. So saßen wir nebeneinander, ohne Lösung, ohne Ziel. Sie suchte etwas, das hält. Ich suchte etwas, das nicht festhält. Und trotzdem blieben wir, für diesen Moment, für diese Zeit, für etwas, das weder Freund noch Feind war, sondern einfach da. Vielleicht war genau das der Anfang. Vielleicht war es auch schon das Ende. Wahrscheinlich war es beides zugleich. Und gerade deshalb stand es für sich.



