Wir fuhren los, weil das Bleiben keine Lösung war.
Was man nicht sieht, passiert auch nicht
Nachdem wir den Maserati gepackt hatten – und glaube mir, es wird jedes Mal weniger und ist trotzdem immer noch zu viel – saßen wir endlich im Auto. Und dann wussten wir im ersten Moment nicht einmal, wie wir aus dieser Tiefgarage herauskommen sollten.
Diese kleine Fernbedienung hatten wir nicht im Blick. Irgendwo musste sie sein. Irgendwann fanden wir sie dann doch. Die Garagentüre öffnete sich langsam, fast widerwillig, als müsste sie erst noch entscheiden, ob sie uns wirklich gehen lassen will.
Und genau in diesem Moment begann meine Fantasie wieder zu arbeiten. Nicht leise. Nicht harmlos. Sondern so, wie sie es manchmal tut, wenn sie aus einer simplen Abfahrt gleich einen kleinen Staatsakt macht.
Plötzlich waren sie da. Fotografen. Paparazzi. Mikrofone. Kameras. Objektive, so lang wie schlechte Absichten. Woher sie kamen, weiß ich nicht. Vielleicht standen sie schon die ganze Nacht irgendwo hinter den Mauern dieses alten Hauses. Vielleicht hatte jemand etwas gesehen. Vielleicht hatte jemand etwas weitererzählt. Vielleicht war es aber auch einfach wieder nur mein Kopf, der aus einem Kiesweg einen roten Teppich und aus einer Garagenausfahrt einen Skandal machte.
Die Kieselsteine unter unseren Fußsohlen knirschten, als würden sie jeden Schritt gegen uns protokollieren. Ich hielt ihre Hand fest. Und wir rannten zum Fahrzeug, als ginge es nicht um ein Auto, sondern um die letzte Möglichkeit, eine Geschichte zu verlassen, bevor andere sie für uns weitererzählen.
In meiner Fantasie war längst alles außer Kontrolle geraten. Irgendwo hatte schon jemand getitelt, dass wir nicht einfach abreisten, sondern flüchteten. Irgendwo wurde bereits behauptet, Lea trage ein Kleid, das mehr Fragen aufwerfe als beantworte. Irgendwo schrieb sicher schon einer, Ben habe sich seit Tagen nicht mehr im öffentlichen Raum gezeigt und sei nur noch unter Aufsicht seiner eigenen Ideen unterwegs. Und irgendwo gab es bestimmt schon ein unscharfes Bild von uns beiden, aufgenommen in genau dem falschen Moment, aus genau dem falschen Winkel, mit genau dem falschen Satz darunter.
Der Maserati stand da wie ein letzter stiller Satz. Weiß. Bereit. Wach. Und irgendwie drückte er sich mit uns zusammen durch all das hindurch. Nicht würdevoll, nicht majestätisch – eher so, als müsste selbst ein schönes Auto manchmal einfach nur weg.
Noch schnell tanken. Dann auf die A7, glaube ich. Und plötzlich war alles wieder offen. Blauer Himmel. Sonne. Landschaft. Und dieses Gefühl, dass draußen alles leichter aussieht, als es innen gerade ist.
Doch selbst dort hörte mein Kopf nicht auf. Während die Rhône-Landschaft an uns vorbeizog, stellte ich mir vor, wie man uns bereits suchte. Nicht offiziell vielleicht, aber doch mit jener französischen Entschlossenheit, bei der immer sofort irgendetwas nach Affäre, Enthüllung oder Staatsversagen aussieht. In meiner Fantasie hatte längst jemand den falschen Namen in die richtige Akte geschrieben. Irgendein Kommissar knallte irgendwo eine Mappe auf den Tisch. Irgendein Redaktor in Lyon schob sich die Brille hoch und sagte: „Da steckt mehr dahinter.“ Und irgendein gelangweilter Beamter hatte plötzlich das Gefühl, ausgerechnet wir seien die Art von Menschen, die man nicht einfach unkontrolliert weiterfahren lassen sollte.
In meinem Kopf gingen viele Dinge durch. Auch eines, das ich inzwischen fast sicher weiß: Je mehr ich mich auf etwas konzentriere, desto weniger scheint es den Leuten zu gefallen. Sobald ich mich nicht kümmere, wirkt es plötzlich interessanter. Also zählen am Ende wohl wirklich nur noch meine Ideen.
Denn wenn eh niemand schreibt, niemand etwas zurückgibt, niemand mit einem Gedanken anklopft, dann bleibt nur das, was in mir selbst entsteht.
Heute war ich auf der Flucht. Auf der Flucht vor Daumen runter. Vor Menschen, die irgendetwas markieren, ohne dass ich weiß, wer sie sind oder was sie eigentlich wollen. Keine Ahnung warum. Keine Ahnung wozu.
Also ist es mir egal.
Was zählt, ist das Produkt von Ben und Lea.
Wir fuhren los. Und kaum war das erste Durcheinander hinter uns, wurde es auf der Autobahn schon wieder seltsam. Ein Tumult. Polizei. Kontrolle. Fast eine kleine Razzia.
Vielleicht suchten sie nach uns. Vielleicht auch nicht. Aber in meiner Fantasie war längst klar, dass sich das Netz bereits zusammenzog. Vorne Blaulicht. Motorradpolizei. Männer, die in Autos blickten, als ließe sich in einem einzigen Blick entscheiden, wer harmlos ist und wer nicht. Hinter uns wuchs der Stau, vor uns die Kontrolle – und irgendwo dazwischen saßen wir, geschniegelt genug, um verdächtig zu wirken, und müde genug, um jede Frage falsch zu beantworten.
Aber da niemand wusste, wohin wir wirklich wollten, fanden wir eine kleine Lücke zwischen Autobahn und Landstraße – eine Stelle, die man wegen der Baustelle offenbar vergessen hatte zu schließen.
Und genau dort gingen wir durch.
In meiner Fantasie war das längst kein Versehen mehr, sondern fast schon eine Einladung. Ein Spalt im System. Ein Fehler in der Ordnung. Eine dieser kleinen Nachlässigkeiten, durch die Menschen verschwinden können, ohne wirklich verschwunden zu sein.
Wir entgingen der Kontrolle und fuhren weiter. Durch einen Tunnel, dessen Namen ich jetzt nicht sage. Dann flüchteten wir uns in ein ehemaliges Kloster.
Man sieht erst dort, wie müde man eigentlich ist.
Natürlich stellte ich mir selbst dort noch vor, wie später jemand herausfinden würde, welchen Tunnel wir genommen hatten. Wie man die Kameras sichtete. Wie irgendwo Kennzeichen vergrößert wurden. Wie irgendein Polizist mit ernstem Gesicht auf ein Standbild deutete und sagte: „Da. Genau da.“ Und wie man später alles als Beweissicherung bezeichnete, nur weil niemand zugeben wollte, dass zwei Menschen mit zu viel Fantasie und einem weißen Maserati vielleicht einfach nur ihre Ruhe gesucht hatten.
Ich hoffe nur, dass uns niemand mehr auf den Fersen ist.
Lieber Tagebuch, dir schreibe ich das. Sonst niemandem. Behalte es für dich.
Ich berichte dir, was wir morgen unternehmen.
Bis dann.






