Mein Brief
Brief an einen Freund
Neutraler Ort: Weltraum
Selbstinitiative
14. Februar 2026 – Valentinstag
Brief an einen Freund
Institut Ben der Schweizer · Neutraler Ort: Weltraum · Beitrag lesen
Mein lieber Freund,
es ist eine eigentümliche Lage, in der ich Dir schreibe – nicht aus einem Zimmer, das man betreten könnte, sondern aus jenem gedanklichen Observatorium, das ich mir jenseits des Lärms eingerichtet habe. Nenne es, wenn Du willst, mein Labor im Orbit, einen Ort, an dem die Stimmen der Welt nur noch als gedämpfte Schwingungen ankommen und sich in Linien, Kurven und Notizen verwandeln.
Du würdest lächeln, sähest Du mich dort sitzen: zwischen Papieren, Diagrammen und einer Zeitung, die immer zu spät eintrifft und doch zuverlässig die gleichen Muster bestätigt. Ich habe Prüfungen bestanden, Scheine erworben, Zertifikate gesammelt – nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Neugier. Mit jedem Dokument öffnete sich mir weniger eine Tür als vielmehr ein Blick auf die Mechanik dahinter, auf jene unsichtbaren Zahnräder, die das soziale Uhrwerk antreiben.
Und doch bleibt die Frage: Was ist das Gesicht, das ich trage? Ist es das eines Mannes vergangener Ideale, der sich an Formen klammert, die längst als unmodern gelten? Oder ist es das eines Beobachters, der gerade durch diese Distanz erkennt, wie sehr die Gegenwart von Masken lebt?
Verzeihe mir die Schwermut dieser Zeilen. Es ist nicht Bitterkeit, die mich führt, sondern Verwunderung. Man fordert Nachweise, als wären sie Eintrittskarten zur Wirklichkeit, und übersieht dabei die leise Arbeit derer, die ohne Lautstärke bestehen. Laut zu werden erscheint mir unerquicklich, zu schweigen wird missverstanden, und das törichte Gerede liegt mir fern – so bleibt nur die Beschreibung, die geduldige, beinahe altmodische Kunst des Protokolls.
Ich lese viel in letzter Zeit. Nicht nur Bücher, auch Gesichter, Bewegungen, die kleinen Abweichungen im gewohnten Ablauf. Es ist, als würde sich die Welt in eine Partitur verwandeln, deren Motive sich wiederholen, variieren, überlagern. Vielleicht ist es diese Wiederkehr, die uns müde macht, vielleicht aber auch jene, die uns die Möglichkeit gibt, den Ton zu wechseln.
Du fragst nach meinem Befinden. Ich will Dir nichts vormachen: Das Leben ist langsamer geworden, doch nicht ärmer. In der Verlangsamung liegt eine Klarheit, die mir früher entging. Und ich hege – wie ein alter Romantiker, der ich wohl geblieben bin – den Gedanken, dass Wärme nicht nur eine Eigenschaft des Klimas ist, sondern eine der Begegnung.
Am sechzehnten Februar, so habe ich mir vorgenommen, werde ich mich für eine Weile zurückziehen, nicht um zu verschwinden, sondern um das Gesehene zu ordnen. Vielleicht schreibe ich Dir dann erneut, vielleicht bringe ich Dir nur einen Bericht mit, der weniger Antwort als Einladung ist.
Grüße Dich herzlich – von uns beiden,
in der Hoffnung, dass die Welt, wenn sie schon nicht verständiger wird,
doch wenigstens freundlicher atmet.
Dein
Ben