Der Osprey überbrückt Distanzen – der Wanderer erlebt sie.





Jetzt ist die Zeit nicht mehr der gerade Strich, an dem man seine Vorhaben aufreiht, sondern ein stiller Raum, in dem jede Stunde ihr eigenes Gewicht trägt. Seit jenem jähen Augenblick in Frankfurt, da das Gewöhnliche zerbrach und in den scharfen Geruch der Flure und das kalte Blinken der Apparate überging, ist mir das Fortschreiten der Tage zu einem behutsamen Tasten geworden. Ich messe nicht mehr in Entfernungen, nicht in Kartenlinien zwischen hier und dem Süden, sondern in dem leisen Heben ihrer Hand, im sicheren Atem, in dem matten, doch wachen Glanz ihres Blickes.
Spanien steht nicht mehr als Ziel vor mir, sondern wie ein fernes, mildes Versprechen, das keinen Anspruch erhebt. Unser Haus dort gleicht einem geduldigen Hüter, der die Fenster geschlossen hält und doch weiß, dass wir wiederkehren werden. Der Weg über Genua, das Hinabsinken des Wagens in den Bauch des Schiffes, die Kabine mit dem kleinen Fenster, durch das das Meer wie ein atmendes Tuch zieht – all das ist mir gegenwärtig, doch nur wie ein leiser Gedanke am Rand des Bewusstseins. Nicht als Drängen, sondern als Möglichkeit, die wartet, bis sie gerufen wird.
So sitze ich bei ihr, und das Alltägliche wird zum eigentlichen Geschehen. Ein Wort über das Wetter, das vielleicht freundlicher geworden ist, ein Hinweis auf die Stunde, die verrinnt, ohne dass sie uns etwas nimmt. Meine Stimme ist nicht Träger von Nachrichten, sondern nur ein Band, das den Raum zusammenhält. Und wenn ich ihre Hand halte, so ist es, als hielte ich die Zeit selbst an, damit sie nicht weiterlaufe als ihr Schritt.
Die Ärzte sprechen ihre sachlichen Formeln, und ich nehme sie an wie Zeichen, die auf etwas hinweisen, das ich doch nur in ihrem Gesicht lesen kann. Denn Heilung, so scheint es mir, folgt keiner geraden Linie; sie gleicht eher einer jener Melodien, die sich verlieren, um in einem anderen Ton wieder aufzutauchen. Es gibt Tage, die wie ein sanfter Akkord klingen, und andere, in denen ein leiser Schatten über allem liegt, ohne dass man von Rückschritt sprechen dürfte.
Um nicht selbst in den engen Kreis der Gedanken zu geraten, beschäftige ich mich mit jenen künstlichen Wesen und mechanischen Geistern, die in meinem Arbeitsraum ihr lautloses Leben führen. Sie gehorchen der Logik, wo das Herz sich dem Unbestimmten überlassen muss. Ein Flug mit Pierre, ein Entwurf aus Drähten und Zeichen – kleine, ordnende Bewegungen, die mir erlauben, wieder zu ihr zurückzukehren, ohne die Unruhe mitzubringen.
Diese Woche ist mir ein Vorraum geworden, ein Schwebezustand zwischen dem, was war, und dem, was wieder sein könnte. Ich wage nicht, ihn zu verkürzen, denn in seiner Langsamkeit liegt die eigentliche Kraft. Erst wenn ihr Schritt sicher ist und ihr Blick nicht mehr müde in die Ferne fällt, wird der Weg sich von selbst öffnen – nach Genua, über das Meer, nach Barcelona und weiter in den Süden.
Bis dahin aber ist mein Ort an ihrer Seite, und alles andere – die Reise, das Schiff, das Haus im Licht – bleibt eine leise, freundliche Erscheinung, die nicht drängt, sondern wartet.