Canal

Tagebucheintrag

Am Morgen war es wie immer.
Der Kaffee stand da, dampfend, bereit zum Genuss.
Wie immer.

Und doch ist es jedes Mal ein kleines Wunder.

Der Blick nach draußen: nur grau und regnerisch.
Eigentlich egal.
Ich war vorbereitet.

Ich holte das Vorderrad vom Velo.
Wollte endlich anfangen, es zu wechseln.
Tubeless.
Ich musste selber ran.

Weil kein Mensch mehr Interesse hat, etwas zu tun – außer zu streiken.

Das Gefährliche ist, wenn ein Außenstehender Einblick bekommt
und sich mit dem beschäftigen muss,
was dieser zuvor links liegen gelassen hat.
Dann erkennt er Strukturen, die nicht passen.
Nicht in Ordnung sind.

Aufräumen wäre passender als das Geschrei:
„Wir wollen mehr Geld.“

Nach meiner Recherche entdeckte ich, dass das Material nicht stimmte.
Nicht vollständig.
Nicht sauber.

Also bestellte ich es.
Über Amazon.
Eigentlich mein einziger Lieferant, auf den ich mich verlassen kann.
Und der hat nicht einmal hier seinen Hauptsitz.
Schade, findet ihr nicht?

Aber ihr hört ja nicht zu.
Ihr streikt lieber.

Ich montierte ein Ersatzrad.
Der Stecknabe sei Dank.

Und fuhr ein paar Meter zum Canal,
in die Petit Camargue im Elsass.

Die Camargue ist flach, weit und unbeirrbar.
Schilf bewegt sich im Wind,
Wasserflächen spiegeln den Himmel,
und die Landschaft entscheidet sich nicht zwischen Ordnung und Wildnis.
Hier darf alles sein, wie es ist.

Ich fuhr im Schlamm.
Spritzte mich voll.
Genoss die Landschaft.

Ich bin noch ein wenig auf der Suche nach mir.
Und nach Zeit.

Der Start ist erst in sieben Tagen.
Aber was soll’s.
Wir machen es.