nach Jung und Freud, Wien / Zürich, ca. 1913–1930
Sigmund Freud
Du sprichst von Isolation als Übergang.
Ich sehe darin vor allem einen Zustand erhöhter Triebspannung.
Der Mensch wird isoliert, weil seine Impulse nicht sozialverträglich sind.
Aggression ist verdrängter Trieb, nichts weiter.
Carl Gustav Jung
Du reduzierst, Sigmund.
Aggression ist nicht nur Trieb, sie ist Energie der Psyche.
In der Isolation zeigt sie ihr Doppelgesicht:
Zerstörung oder Ordnung.
Freud
Ordnung entsteht nur durch Sublimierung.
Ohne äußere Bindung zerfällt das Ich.
Der Mensch braucht Gesellschaft, um nicht zu regressieren.
Jung
Er braucht sie, ja.
Aber erst nachdem er sich selbst begegnet ist.
Isolation ist gefährlich –
doch ohne sie bleibt der Mensch angepasst und fremd sich selbst.
Über den Schatten
Freud
Was du Schatten nennst, nenne ich Verdrängung.
Das Unbewusste ist ein Sammelbecken unerlaubter Wünsche.
Jung
Und genau hier trennen sich unsere Wege.
Der Schatten ist nicht nur das Verbotene,
sondern das Ungelebte.
Nicht alles Verdrängte ist pathologisch.
Freud
Aber es wirkt pathologisch.
Jung
Weil es nicht erkannt wird.
Der Schatten verlangt nicht Entladung,
sondern Bewusstwerdung.
Über das „Durchsein“
Freud
Der Patient glaubt oft, er sei „fertig“.
Das ist Widerstand.
Jung
Oder ein Übergang.
Wenn Gedanken enden, beginnen Bilder.
Das Unbewusste spricht nicht logisch,
sondern symbolisch.
Freud
Symbole sind verkleidete Wünsche.
Jung
Oder archetypische Ordnungen.
Nicht alles führt zur Sexualität zurück.
(Stille.)
Über Rolle und Funktion
Freud
Ohne Aufgabe verliert der Mensch seinen Halt.
Jung
Oder er findet ihn.
Wenn Rolle und Uniform fallen,
tritt Substanz hervor.
Das nennst du Verlust,
ich nenne es Beginn der Individuation.
Freud
Individuation ist ein Luxus.
Jung
Vielleicht.
Aber ohne sie wird der Mensch zur Funktion
und die Gesellschaft zur Maschine.
Über Gemeinschaft und Fremdheit
Freud
Die Gemeinschaft schützt sich.
Sie grenzt aus, was sie destabilisiert.
Jung
Und projiziert dabei ihren Schatten.
Der Fremde trägt,
was die Vielen nicht sehen wollen.
Freud
Du romantisierst den Außenseiter.
Jung
Nein.
Ich erkläre ihn.
Über das Aushalten
Freud
Aushalten ist nur sinnvoll,
wenn es zur Anpassung führt.
Jung
Aushalten ist eine Phase.
Wer darin bleibt, verhärtet.
Wer hindurchgeht, verwandelt sich.
Schluss
Freud
Du entfernst dich von der Wissenschaft.
Jung
Und du bleibst zu nah
am Menschenbild des 19. Jahrhunderts.
Freud
Dann sind wir keine Verbündeten mehr.
Jung
Nein.
Aber wir waren es.
