Es war einmal
So würde es Ben der Schweizer im Geiste von E. T. A. Hoffmann schreiben.
Es war einmal – und kaum sind diese Worte ausgesprochen, regt sich bereits der leise Widerstand. Man kennt das. Man glaubt es zu kennen. Ein Anfang, der nach Rückblick klingt, nach Märchen, nach einer Zeit, die angeblich nichts mehr mit uns zu tun hat. Und doch ist es genau dieser Anfang, der die Gegenwart nervös macht. Nicht, weil er vergangen ist, sondern weil er fragt.
Denn Es war einmal bedeutet nicht: Es ist vorbei. Es bedeutet: Es war anders. Und damit stellt sich unausweichlich die Frage, warum es heute so ist, wie es ist.
Man spricht viel von Veränderung. Das Wort geht leicht über die Lippen, es klingt nach Fortschritt, nach Bewegung, nach Zukunft. Doch selten spricht man darüber, was Veränderung eigentlich verlangt. Noch seltener darüber, was sie kostet.
Früher – ja, auch dieses Wort ist unbequem geworden – war der Preis sichtbar. Man wusste, wofür man etwas tat, wofür man wartete, wofür man sich anstrengte. Eine Belohnung war nicht perfekt, nicht glatt, aber sie trug. Heute hingegen scheint vieles nur noch abgeschmeckt. Es sieht aus wie Gewinn, fühlt sich an wie Fortschritt, hinterlässt aber wenig Substanz.
Wenn gestreikt wird, zeigt sich das deutlicher als in jeder Debatte. Ohne eigenes Fortkommen steht man still. Man sitzt, friert, wartet. Mobilität ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Bedingung. Und wieder taucht dieses Wort auf: der Preis. Doch niemand sagt mehr genau, wer ihn festlegt.
Unsere Jugend kennt vieles nicht mehr, was einst selbstverständlich war. Nicht aus Schuld, sondern aus Verschiebung. Das Selbermachen, das Warten, das langsame Lernen – all das ist kein Mangel, sondern schlicht nicht mehr Teil ihrer Erfahrung. Deshalb sehen sie die Welt in anderen Farben. Nicht falscher, nicht richtiger – nur anders.
Meine Farben sind die von früher. Sie tragen Brüche, Unterschiede, Reibung. Damals war nicht alles besser, aber vieles war unterscheidbar. Heute wird geglättet, vereinheitlicht, beschleunigt. Unterschiede gelten schnell als Störung.
Ich habe erlebt, wie Wissen aufgebaut wurde. Und ich erlebe, wie es zerbröckelt. Nicht, weil es widerlegt wäre, sondern weil es nicht mehr getragen wird. Dinge, von denen man nie gedacht hätte, dass sie verschwinden könnten, lösen sich auf – leise, ohne Lärm.
Technologie sollte uns schneller machen. Und doch fühlt sich vieles langsamer an. Informationen rasen, Entscheidungen stocken. Wir bewegen uns mit gedrosselter Geschwindigkeit durch eine Welt, die zugleich Angst hat, stehen zu bleiben und Angst davor, falsch abzubiegen.
Vielleicht ist es genau diese Angst, die uns lähmt. Die Angst, Verantwortung zu übernehmen. Die Angst, zu unterscheiden. Die Angst, den Schwachen zu übersehen – oder ihn falsch zu schützen.
Deshalb war ich heute in Le Mans. Nicht, um mir Kraft aus Erinnerungen zurückzuholen oder etwas zu ersetzen, das mir hier fehlt. Nicht, um Vergangenes zu beschwören. Sondern um mir eine einzige Frage zu stellen: Was kommt?
Vielleicht liegt der eigentliche Preis nicht im Verlust von Dingen, sondern im Verlust von Haltung. Im Verlernen des Zweifelns. Im Verlernen des Wartens. Im Verlernen, Fragen offen zu lassen, ohne sie sofort zu versiegeln.
So ist Es war einmal kein Märchenanfang. Es ist eine höfliche Zumutung. Eine, die nicht anklagt, sondern einlädt, genauer hinzusehen.
Denn entscheidend ist nicht, dass sich alles verändert. Entscheidend ist, ob wir noch entscheiden, ob wir diese Veränderung wollen. Und ob wir bereit sind, den Preis nicht nur zu bezahlen, sondern ihn endlich wieder zu benennen.






