Grenzen setzen wir uns selbst
Wenn Regeln Nähe ersetzen
Immer mehr Menschen ziehen sich zurück, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Vorsicht. Wo früher ein Anhalten, ein Nachfragen, ein Helfen selbstverständlich war, tritt heute das Abwägen: Darf ich das? Könnte mir daraus ein Nachteil entstehen?
Der öffentliche Raum wird dadurch sicherer und gleichzeitig kälter. Grenzen schützen – aber sie trennen auch. Datenschutz, Haftungsfragen und formale Zuständigkeiten geben Halt, entziehen jedoch dem Zwischenmenschlichen den Boden. Hilfe wird zur potenziellen Gefahr, Zuwendung zur möglichen Grenzüberschreitung.
Beobachter sprechen von einer Gesellschaft, die gelernt hat, wegzusehen, nicht aus Mangel an Mitgefühl, sondern aus Angst vor Konsequenzen. Wer liegen bleibt, bleibt sichtbar – aber unberührt.
„Es ist halt so“, sagen viele. Doch genau dieser Satz markiert den Punkt, an dem Verantwortung abgegeben wird. Nicht aus bösem Willen, sondern aus Müdigkeit. Und vielleicht aus der stillen Frage, wie viel Menschsein in einem regelkonformen Alltag noch Platz hat.