Ich habe es bereits erwähnt: Ines rief mich an. Da ich gerade zu einem Kunden unterwegs war, hatte ich viel Zeit. Mein Termin fand in Adelboden statt.
Ines und ich redeten und diskutierten lange miteinander. Ich war ihr nicht böse. Aber jetzt war es an der Zeit, all die unausgesprochenen Worte endlich in den Raum zu stellen. Es ging nicht um einen Neuanfang. Es ging darum, das gemeinsam Erlebte zu verstehen und zu verarbeiten.
Nach ungefähr neunzig Gesprächsminuten mussten wir das Gespräch beenden.
Um 11.30 Uhr war mein Besuch beim Kunden in Adelboden vorbei, und ich machte mich auf den Weg nach Thun. Bereits auf der Hinfahrt war mir kurz vor Adelboden ein Restaurant aufgefallen. Jetzt kam es mir wieder in den Sinn, und irgendetwas zog mich beinahe magisch dorthin.
Beim Eintreten bemerkte ich zwei Augen, die mich prüfend musterten. Weißt du, bei einer Misswahl hätte ich ihr vielleicht nicht unbedingt meine Stimme gegeben – und trotzdem gefiel sie mir.
Das Tagesmenü war Schnipo. In letzter Zeit hatte ich das schon oft gegessen, doch dieses Schnipo war besonders. Wenn es als Tagesmenü angeboten wird, landet das panierte Fleisch aus Zeitgründen meistens in der Fritteuse. Nachdem ich bestellt hatte, hörte ich jedoch, wie mein Fleisch in einer Pfanne brutzelte.
In diesem Augenblick entstand eine gewisse Unruhe im Raum. Der Schichtwechsel stand bevor, und die Frau mit den prüfenden Augen verabschiedete sich in ihre Zimmerstunde.
Ich weiß nicht, ob du diesen Ausdruck kennst. Im Gastgewerbe gibt es oft längere Pausen zwischen zwei Arbeitseinsätzen. Weil der Arbeitsweg in dieser Zeit keine wirkliche Erholung zulässt, besitzen viele Angestellte ein Zimmer im Haus, in das sie sich zurückziehen können.
Bevor sie ging, verabschiedete sie sich von mir. Ich bat sie, sich noch einen Moment an meinen Tisch zu setzen. Sie tat es.
Manchmal versuche ich, mit meinen Reflexionen zu spielen, doch meistens geht das in die Hose. Man kann nur das aussenden, was man wirklich in sich trägt. Diese Erkenntnis kann manchmal sehr schmerzlich sein – in diesem Fall war sie es jedoch nicht.
Du, das mit dieser Zimmerstunde war toll. Für einen kurzen Augenblick durfte ich einen Menschen kennenlernen, der viele Gefühle in sich trug.
Danach setzte ich meine Reise nach Thun fort, erfüllt von Glücksgefühlen.
Sorry, aber Hollywood ist Scheiße dagegen.
In Thun hatte ich einen Termin mit Reto. Er ist bei der RUAG für die Prüfstände der Panzermotoren zuständig. Vor einigen Jahren hatte ich diese Anlagen gemeinsam mit ihm auf den neuesten Stand gebracht.
Gegen 15 Uhr schickte ich Ines eine WhatsApp-Nachricht und schrieb ihr, dass ich mich auf der Rückreise befinde. Ihre Antwort kam kurz darauf:
16.00 Uhr, Bahnhof Ostermundigen.
Ich schrieb zurück: »Okay.«
Auf der Fahrt dorthin fragte ich mich, wie ich sie begrüßen sollte. Wir waren kein Paar mehr. Ich hatte keinen Anspruch darauf, dass sie mich küsste oder mir auf eine bestimmte Weise begegnete. Auch Nähe ist eine freie Entscheidung.
Ich fuhr noch beim Büro von Aquametro in Rubigen vorbei, trank dort einen Kaffee und setzte anschließend meine Fahrt in Richtung Ostermundigen fort.
Du kennst sicherlich dieses Gefühl: Du näherst dich einer Weggabelung und weißt, dass du dich entscheiden musst, welchen Weg du nimmst.
Links ging es nach Basel, rechts nach Ostermundigen.
Ich war diese Strecke unzählige Male gefahren. Trotzdem hatte ich dieses Bild bereits am Vortag deutlich vor Augen gesehen: zwei Wege, zwei Richtungen und eine Entscheidung.
Genau in diesem Moment rief Ines an.
Ich fragte sie, worüber wir bei unserem Treffen sprechen würden. Nach ihrer Antwort setzte ich den Blinker nach links, fuhr in Richtung Basel und wünschte ihr alles Gute und alle Liebe dieser Welt.
Ich wurde zu dieser Entscheidung nicht gezwungen. Weder Ines noch das Schicksal hatten mir den Weg vorgeschrieben. Ich entschied mich frei.
Ostermundigen besitzt für mich eine besondere Bedeutung. Vor 37 Jahren trat ich dort meine erste Arbeitsstelle an. Nach dem Militär war es der erste fremde Ort, an dem ich allein meinen Weg begann. Dort begegnete ich auch meiner ersten großen Liebe, und »immer unterwegs« wurde zu meiner Lebensdevise.
Heute wohnt Ines keine hundert Meter von diesem magischen Ort entfernt.
Vielleicht ist Inesse – Bern deshalb viel mehr als die Verbindung zwischen einer Frau und einem Ort. Ostermundigen steht für meinen Aufbruch, für die Liebe, für das Unterwegssein und schließlich für jene Weggabelung, an der ich mich erneut entscheiden musste.
Rechts wartete Ines. Links lag Basel. Ich setzte den Blinker nach links.
Ich werde Ines vermissen.
Am Abend schrieb ich ihr meine letzte Nachricht:
Du, ich danke dir für die Zeit, die du mir geschenkt hast.
Silbermond und Stefanie besingen in einem Lied den Schmerz nach einer Trennung. Es ist berührend, aber in einem Punkt bin ich mit Stefanie nicht einverstanden: Für mich war es keine verlorene Zeit. Du warst eine Bereicherung für mein Leben.
Ich hoffe, dein Schnuppertag war schön. Ich wünsche dir alles Gute. Eines Tages werde ich dich dort besuchen, und du wirst mir erzählen, dass sich deine Träume erfüllt haben.
Ich umarme dich ganz fest und gebe dir einen letzten Kuss.
Das war meine letzte Nachricht an meine Diva.
Wie war es dazu gekommen?
Ines hatte mich am Abend noch einmal angerufen. Wir redeten ungefähr eine halbe Stunde miteinander. Interessanterweise kann ich mich nicht mehr an den Inhalt dieses Gespräches erinnern. Ich habe ihn einfach vergessen.
Nach diesem Gespräch schickte ich ihr meine letzte Nachricht.
Was fühle ich im Moment?
Keine Ahnung.
Ich empfinde keinen Schmerz. Ich fühle mich nicht verloren. Eigentlich fühle ich überhaupt nichts. Ich liege mit schmerzendem Rücken im Bett, und das sind im Moment die einzigen Gefühle, die ich an mich heranlasse.
Jetzt fängt das Ganze vermutlich wieder von vorne an: die Fantasien, das Kennenlernen, das Verlieben, der erste Kuss, die großen Pläne – und schließlich wieder der Abschied.
Langsam fühle ich mich wie in dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier. Bill Murray spielt darin einen arroganten, egozentrischen und zynischen Wetteransager, der in einer Zeitschleife festsitzt. Immer wieder erlebt er denselben Tag, bis er sich verändert und sein Leben schließlich fortsetzen kann.
Vielleicht ist es bei mir ähnlich. Menschen und Orte verändern sich, aber das Karussell bleibt dasselbe: Hoffnung, Geborgenheit, große Pläne und Abschied.
Doch wenn jede Entscheidung frei ist, werde ich nicht irgendwann aus meiner Zeitschleife herausgeworfen.
Ich muss selbst entscheiden, wann ich sie verlasse.
Vielleicht besteht der Ausweg nicht darin, auf ein anderes Schicksal zu warten. Vielleicht genügt es, an der nächsten Weggabelung bewusst den Blinker zu setzen.