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Ich habe da noch eine Geschichte

Bern Inesse

Meine Diva – eine Hommage an Inesse
Es gehört zu den Freiheiten eines Freigeistes, die Wirklichkeit so zu gestalten, wie sie im eigenen Kopf geschieht.

Viel Spass dabei …

Vorwort

Ich weiss, dass es mir nicht vollständig gelingen wird. Trotzdem möchte ich versuchen, eine Hommage an meine Inesse zu schreiben.

Was eine Diva ist, davon hat jeder seine eigene Vorstellung. Im Grossen und Ganzen dürften sich diese Vorstellungen jedoch gleichen. Aber darum geht es nicht.

Sie hiess Inesse. Ich nannte sie oft meine Diva – das war mein Kosename für sie. Wenn sie sich nur für ein paar Minuten von mir entfernte, kam sie verändert zurück: mit anderen Strümpfen, einem anderen Detail oder irgendeiner neuen Überraschung.

Sie war – und ist in meiner Erinnerung – eine Wundertüte.

Diese Zeit ist nun vorbei. Aber ich möchte von unserer Beziehung erzählen, die immer einen grossen Bühnenauftritt in sich trug.

Die grosse Bühne

Das Leben ist eine grosse Bühne. Auf dieser Bühne fühlte sich meine Regisseurin und Hauptdarstellerin sehr wohl.

Um sich darauf sicher zu bewegen, besass Inesse die ideale Schuhgrösse: 41. Ihre 172 Zentimeter sorgten für einen grossen Auftritt, während ihre 55 Kilogramm es mir erlaubten, sie leicht in meinen Armen zu wiegen.

Doch diese Leichtigkeit täuschte. In diesem schmalen Körper steckte die Kraft einer Kickboxerin. Kickboxen war für sie nicht einfach ein Hobby. Es war ihr Lebensinhalt.

Auf den ersten Blick waren wir eine perfekte Besetzung.

Für das Bühnenbild war mir kein Aufwand zu gross. Inesse dankte es mir jedes Mal mit ebenso grossen Gefühlen. Mit ihrem stolzen Gang hob sie sich aus jeder Menschenmenge heraus. Selbst im dichtesten Gedränge entdeckte ich sie schon von Weitem.

Mehr noch: Ich spürte sie.

Und sie wollte entdeckt werden.

Die Menschen um sie herum wurden zu ihrer Kulisse. In ihren Wogen bewegte sie sich stilsicher wie ein Schwan.

Jeder Mensch braucht einen Rückzugsraum. Für eine Schauspielerin ist es die Garderobe. Die Garderobe von Inesse war ihr Zuhause.

Sie liess mich nie hinein. Das hatten wir so vereinbart. Es war ihr privater Raum. Ich holte sie nie an ihrer Haustür ab. Im Auto spielte sie nie ihre Lieblingsmusik, obwohl ich sie mehrmals darum bat. Sie liess mich an ihrem grossen Auftritt teilhaben, aber nicht an ihrem privaten Alltag.

Es störte mich nicht.

Sie war meine Diva.

Ich liebte sie auf eine besondere Art. Solche Kleinigkeiten erschienen mir nebensächlich, denn auch ich liebte das grosse Kino.

Das Traumpaar

Unsere gemeinsamen Auftritte schienen kein Ende zu nehmen. Wir waren in der ganzen Schweiz unterwegs und überall herzlich willkommen. Man nahm uns als Traumpaar wahr. Oft trafen mich neidische Blicke, doch das störte mich nicht besonders.

Wo immer wir auftauchten, schien uns der Applaus sicher zu sein. Vielleicht glaubte ich deshalb, wir spielten Romeo und Julia: zwei Liebende auf einer grossen Bühne, ohne zu erkennen, dass auch ihr Abschied längst Teil des Stücks geworden war.

Den Applaus nahmen wir irgendwann kaum noch wahr. Unsere Leidenschaft hielt uns gefangen.

Als Hauptdarsteller fühlt man sich wie im siebten Himmel. Man glaubt, ganz oben auf der Erfolgsleiter angekommen zu sein. Irgendwann wird man süchtig nach diesem Gefühl und beginnt, alles dafür zu opfern.

Ich habe es getan.

Ich glaubte an unsere Zukunft. Dabei hatte Inesse schon am Anfang unserer Beziehung zu mir gesagt:

„Bernhard, egal was passiert: Dein Ego wird dich schützen, und du wirst mich allein zurücklassen.“

Genau so ist es gekommen.

Der Preis für unseren grossen Auftritt war hoch. Er hätte mich beinahe in den Abgrund gerissen.

Der letzte Auftritt

Unsere letzte gemeinsame Bühne war der Bundesplatz in Bern. In diesem Augenblick erschien er mir grösser als die Arena von Verona.

Wir umarmten uns zum letzten Mal. Ein inniger Kuss folgte. Ich sah noch einmal in ihre Augen. Dann stieg sie in den Bus nach Ostermundigen.

In diesem Augenblick durchstiess ein Messer mein Herz.

Um uns herum standen Hunderte Menschen. Die Menge applaudierte. Doch niemand wusste, was sich in ihrer Mitte gerade ereignete. Niemand ahnte, dass sich hier zwei Menschen für immer voneinander trennten.

Welcher Abschied findet schon auf dem Bundesplatz statt – vor Hunderten Zuschauern und begleitet von Applaus?

Sogar unsere Trennung war grosses Kino.

Der Vorhang fiel.

Inesse verliess die Bühne.

Ich blieb zurück.

Und trotzdem bereue ich keine einzige Sekunde.
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