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Gottesacker – Bevor es zu spät ist, einander zu verstehen

Iwan

Der Gottesacker

Je älter ich werde, desto dünner werden die Verbindungen zu den Menschen. Einige sind gestorben, andere leben noch, und doch sind auch sie auf eine Weise verschwunden. Sie rufen nicht mehr an, kommen nicht mehr vorbei und erklären nichts.

Vielleicht haben sie mich satt. Vielleicht haben sie nur ihre eigenen Sorgen. Vielleicht besteht zwischen beidem gar kein großer Unterschied.

Ich hätte es verstanden, wenn einer zu mir gekommen wäre und gesagt hätte:

„Mit dir halte ich es nicht mehr aus.“

Das wäre schmerzhaft gewesen, aber wenigstens ehrlich. Viel schwerer ist dieses lautlose Fortgehen, bei dem ich selbst erraten muss, was geschehen ist.

Heute stand ich auf dem Gottesacker, am Grab meiner Schwiegermutter, und dachte: Selbst hier herrscht kein Frieden. Die Tote liegt still, doch wir Lebenden tragen unsere alten Kränkungen weiter, als wären sie ein notwendiger Teil der Trauer.

Jeder sorgt sich um sich selbst.

Jeder hält sich für denjenigen, der zu wenig Liebe, zu wenig Achtung und zu wenig Verständnis bekommt. Jeder weiß genau, was die anderen falsch machen. Aber kaum einer fragt sich:

Wie wirke eigentlich ich?

Wir fragen:

„Warum versteht mich niemand?“

Aber nicht:

„Habe ich überhaupt versucht, jemanden zu verstehen?“

Wir sagen:

„Die anderen sind egoistisch.“

Und bemerken nicht, dass wir dabei nur von unseren eigenen Bedürfnissen sprechen.

Wir erzählen, wie ehrlich, hilfsbereit und anständig wir sind, und warten auf Zustimmung. Unsere Sorge um andere reicht oft genau so weit, wie diese anderen das richtige Bild von uns bestätigen.

Widerspricht jemand diesem Bild, wird er zum undankbaren Menschen, zum schwierigen Menschen oder einfach zum Idioten.

Vielleicht ist genau das die große Lächerlichkeit des Lebens:

Jeder hält die anderen für Narren, weil sie ihn nicht so sehen, wie er sich selbst sieht.

Ich weiß nicht, ob meine Freunde gegangen sind, weil das Leben sie fortgetragen hat oder weil sie mich nicht mehr ertragen. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Vielleicht bin auch ich für andere nicht der Mensch, für den ich mich halte.

Dieser Gedanke gefällt mir nicht.

Aber gerade deshalb könnte er wahr sein.

Ich fahre nach Hause, schenke mir ein Glas Wein ein und trinke nicht auf das Leben und auch nicht auf den Tod.

Ich trinke auf jenen seltenen Augenblick, in dem ich aufhöre zu fragen, was die Welt mir schuldig geblieben ist, und mich stattdessen frage:

Was bin ich der Welt und den Menschen schuldig geblieben?