Ich bin sauer und wütend

Über Kälte und Ordnung

Die Konsequenz ist nicht zuerst Chaos.
Sie ist Kälte.

Wenn man alle Menschen gleich einsortiert, nicht gleich behandelt, verliert das Denken seine Tiefe. Dann wird Moral zu Verwaltung. Und Verantwortung zu Aktenlage.

Der Sündenbock ist dabei kein Zufall, sondern ein Werkzeug. Er dient nicht der Wahrheit, sondern der Entlastung. Nicht: Was ist geschehen? Sondern: Wer kann es tragen, damit wir es nicht müssen?

Wird dann ein Mensch getroffen, der verdient hat, nicht beschmutzt zu werden, entsteht etwas Gefährlicheres als Ungerechtigkeit: Ein stilles Einverständnis.

Die Gesellschaft zeigt auf ihn – nicht weil sie überzeugt ist, sondern weil es erleichtert. Zeigen ist einfacher als Hinsehen. Urteilen bequemer als Zweifeln.

Und ja: Ab diesem Punkt schaut der Betroffene nur noch nach vorne. Nicht aus Egoismus, sondern aus Selbstschutz. Links und rechts verschwinden, weil sie ihm genommen wurden.

Das ist der Moment, in dem wir nicht „so weit sind“, sondern aufgehört haben, weiter zu gehen.

Denn eine Gesellschaft zerfällt nicht, wenn sie Fehler macht. Sie zerfällt, wenn sie jemanden opfert, um so tun zu können, als hätte sie keine gemacht.

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