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Es war einmal der Glaube an Frankfurt

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Es war einmal der Glaube an Frankfurt

Es war einmal und ist nicht mehr.
Da lebten Ben und Lea in Rödental, einer Stadt, die nicht recht wusste, ob sie Dorf, Stadt oder nur eine Haltestelle zwischen gestern und morgen sein wollte.

Dort regierte ein Bürgermeister, der wenig zu fürchten hatte. Nicht, weil er ein König war, sondern weil sich keiner fand, der ihm den Thron streitig machte. Im Märchen hätte man gesagt: Er war der König. Im Leben sagt man: Er war von den Freien Wählern.

Ben aber wusste:
Nicht jeder König trägt eine Krone.
Mancher trägt nur ein Amt.

Lea war nicht gern lange an einem Ort. Manchmal zog es sie hinaus in die Welt, manchmal nur nach Frankfurt. Dort traf sie ihre Freundinnen, um zu reden, zu lachen und Frau zu sein. Das war ein Reich, in dem Männer nichts verloren hatten.

Ben sagte dazu nur:
„Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss.“

Und so geschah es eines Tages, dass Lea ihren scheusslich grünen Maserati nahm und nach Frankfurt fuhr. Der Wagen glänzte wie ein fremder Käfer im Licht, schön und falsch zugleich. Ben mochte ihn nicht, aber Lea liebte ihn gerade deshalb.

Als der Abend kam, rief sie ihn an.
„Hallo Schatz“, sagte sie, „kommst du nach Frankfurt und holst mich ab?“

Ben lächelte.
Denn wer Lea kannte, wusste: Wenn sie fragte, war die Entscheidung längst gefallen.

„Ja klar“, sagte er. „Ich freue mich auf dich.“

Da setzte er sich an den Tisch und suchte nach einer Bahnverbindung. Doch kaum hatte er geschaut, verdunkelte sich sein Blick. Schweinfurt war dicht. Baustelle. Ersatzverkehr. Nürnberg lärmte. Parteitag. Menschenmengen. Gedränge. Körper zu nah, Stimmen zu laut, Kleider zu grell, Gerüche zu ehrlich.

Ben schloss die Augen und sah es vor sich:
Busse, die nicht kamen.
Züge, die nicht fuhren.
Bahnsteige, die versprachen, was sie nicht hielten.

Und da sprach er leise:
„Es war einmal der Glaube an die Bahn.“

Seinen Rolls-Royce wollte Ben nicht strapazieren. Der Wagen war zu würdevoll für deutsche Umleitungen. Also rief er Pierre an.

Pierre war ein Mann, der nicht viele Fragen stellte. Er besaß eine Libelle. Nicht eine kleine, die über Wasser schwebt, sondern eine grosse aus Metall und Glas, mit Flügeln, die sich drehten, als hätte die Zukunft selbst das Fliegen gelernt.

„Pierre“, sagte Ben, „bringst du mich nach Frankfurt?“

Pierre lachte.
„Wenn Frankfurt uns landen lässt.“

Da nahm Ben seine lederne Reisetasche, trat vor die Villa und sah, wie die Libelle vom Himmel sank. Die Luft bebte, die Bäume beugten sich, und für einen Augenblick war Rödental nicht mehr Rödental, sondern der Anfang eines Märchens.

Der Butler reichte Ben den Mantel.
Nicht hastig, nicht unterwürfig, sondern mit jener Ruhe, die nur Männer besitzen, die schon alles gesehen haben und trotzdem schweigen.

„Eine gute Reise, mein Herr“, sagte er.

Ben nickte.
„Wenn einer eine Reise tut, kann er nachher etwas erzählen.“

„Oder er weiss danach“, sagte der Butler, „warum er besser zu Hause geblieben wäre.“

Da stieg Ben in die Libelle. Sie hob sich, erst langsam, dann leicht, als hätte sie kein Gewicht. Unter ihm blieb Rödental zurück, die Dächer, die Strassen, die kleine Ordnung des Alltags.

Vor ihm lag Frankfurt.
Nicht als Stadt.
Sondern als Prüfung.

Lea wartete dort irgendwo zwischen Glas, Licht und Freundinnen. Vielleicht lachte sie gerade. Vielleicht erzählte sie Dinge, die Ben nicht hören sollte. Vielleicht war genau das gut so.

Denn in jedem Märchen gibt es einen Wald.
Bei Ben war es kein Wald aus Bäumen.
Es war Deutschland.

Und irgendwo dahinter lag Frankfurt.

Ob Ben dort landen würde, wusste keiner.
Ob Lea wirklich abgeholt werden wollte oder nur sehen wollte, ob er käme, wusste nur Lea.

Aber die Libelle flog.

Und solange sie flog, war noch nichts verloren.
Denn das Ende erscheint erst, wenn ENDE erscheint.