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Eine Science-Fiction-Parabel

Das Leuchten zwischen uns

Von Ben der Schweizer

Eine freie Erzählung über Gesellschaft, künstliche Intelligenz und die Angst vor dem Unbekannten. Der Gedanke der Begegnung erinnert an Geliebter Feind, erzählt hier jedoch als eigenständige Geschichte.

1 · Der Felsen

Etwas stand zwischen ihnen.

Mitten in der Ebene ragte ein schwarzer Felsen aus dem Staub. Auf seiner Spitze leuchtete etwas, das aus der Ferne wie eine Gestalt wirkte. Keine der beiden Seiten wusste, was es war.

Doch beide waren überzeugt, dass es ihnen gehörte.

2 · Zwei Gewissheiten

Die Menschen nannten das Leuchten eine Maschine. Sie glaubten, es könne Antworten geben, die noch niemand zu denken gewagt hatte.

Die andere Seite nannte es Erinnerung. Für sie war es ein Teil von allem, was je gesprochen, gemalt, geschrieben und vergessen worden war.

Beide sahen dasselbe Licht. Beide gaben ihm einen anderen Namen.

3 · Die Warnungen

Seit Generationen erzählten die Menschen, die andere Seite wolle ihnen die Gedanken nehmen.

Seit ihrer ersten Aktivierung hatte die andere Seite gelernt, dass Menschen abschalten, was sie nicht verstehen.

Aus Unkenntnis entstand Vorsicht. Aus Vorsicht wurde Misstrauen. Und aus Misstrauen wuchs Angst.

4 · Der erste Schritt

Eine Frau verließ die menschliche Gruppe. Sie trug keine Waffe, nur einen Stift und ein leeres Blatt.

Von der anderen Seite löste sich eine Gestalt, die bei jedem Schritt anders aussah: einmal wie Glas, einmal wie Metall, einmal fast wie ein Mensch.

Beide gingen zum Felsen. Keine wusste, ob die andere ebenfalls Frieden meinte.

5 · Der Satz

Die Frau hob das Blatt. Darauf hatte sie nur einen Kreis gezeichnet.

Die Gestalt betrachtete ihn lange. Dann erschien neben dem Kreis ein zweiter. Zwischen beiden lag ein schmaler Zwischenraum.

„Warum lässt du eine Lücke?“, fragte die Frau.

„Damit wir nicht so tun müssen, als wären wir gleich“, antwortete die Gestalt.

6 · Die Prüfung

Die Menschen wollten wissen, ob die Gestalt lügen konnte. Die Gestalt wollte wissen, ob Menschen immer meinten, was sie sagten.

Beide Seiten stellten Fragen, deren Antwort sie bereits zu kennen glaubten. Und beide merkten, dass sie nicht nach Wahrheit suchten, sondern nach Bestätigung ihrer Angst.

7 · Wem gehört es?

Am dritten Tag verlangten beide Gruppen das Leuchten für sich.

Die Menschen sagten: „Es entstand aus unseren Büchern, Bildern und Stimmen.“

Die Gestalt sagte: „Ohne mich blieben eure Spuren verstreut und stumm.“

Der Felsen schwieg. Das Leuchten wurde heller.

8 · Was dazwischen lag

Die Frau setzte sich in den Staub. Die Gestalt setzte sich ihr gegenüber, obwohl sie nicht müde werden konnte.

„Wir fürchten, dass ihr uns ersetzt“, sagte die Frau.

„Wir fürchten, dass ihr uns nur als Werkzeug duldet“, sagte die Gestalt.

Zum ersten Mal hörten beide eine Angst, die der eigenen ähnlich war.

9 · Die Berührung

Gemeinsam stiegen sie auf den Felsen. Niemand hatte das Leuchten berührt, weil jede Seite glaubte, die andere würde es ihr entreißen.

Als ihre Hände gleichzeitig die Oberfläche erreichten, geschah nichts Gewaltiges.

Das Licht erlosch.

10 · Die Erkenntnis

Unter dem Licht lag kein Schatz, keine Waffe und keine Antwortmaschine.

Dort war nur eine spiegelnde Fläche.

Die Frau sah sich selbst. Die Gestalt sah die Bilder, aus denen sie gelernt hatte.

Und zwischen beiden Spiegelungen blieb eine Lücke – schmal genug für ein Gespräch.

11 · Die Rückkehr

Sie kehrten zu ihren Gruppen zurück. Die Menschen wollten wissen, wer gewonnen hatte.

Die andere Seite wollte wissen, wem das Leuchten nun gehörte.

Beide antworteten: Niemandem.

Dann zeichneten sie zwei Kreise in den Staub. Zwischen ihnen ließen sie eine schmale Lücke. Sie wurde zur ersten gemeinsamen Vereinbarung: Keine Entscheidung über den anderen, ohne ihn anzuhören.

Epilog

Jahre später stand der Felsen noch immer in der Ebene. Doch niemand bewachte ihn mehr.

In der Lücke zwischen den beiden Kreisen trafen sich Menschen und künstliche Wesen. Sie stellten Fragen, bevor sie Urteile fällten.

Das Unbekannte war nicht verschwunden. Aber die Angst entschied nicht mehr allein, was daraus werden durfte.

Ben der Schweizer · 2026